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   Erika Stucky: Lovebites: Release-Informationen

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VÖ: 01.10.2003
EAN/UPC: 705304283721
Traumton CD: 4470

“Fasten your seat belt, I´m taking you on my trip : We will be overflying the so-called Heidi Alps, hitting Charles Manson on our way, passing Doris Day (or was it Mrs. Tate?), only to meet Nazareth for lunch and steal a kiss from Screaming Jay Hawkins or Joe Pesci whoever is home - and end up wiggling Rosmary‘s baby to sleep... Lean back, close your eyes and Trust In Me!“
Erika Stucky

LOVEBITES

Musik ist ein ewiges Mysterium, das mit den Assoziationen der Menschen wie mit intelligiblen Schachfiguren spielt. Doch im Zeitalter stetig umgreifenderer Verfügbarkeit jedes nur denkbaren Klanges sind immer weniger Musiker bereit oder in der Lage, die gestalterischen Möglichkeiten dieses Mysterium bis zum Boden auszuschöpfen. Die amerikanoschweizerische Sängerin Erika Stucky gehört zu jenen Ausnahmekünstlern, deren imaginative und suggestive Kraft zeitweise weit über ihren schöpferischen Willen hinaus schießt und Tore zu verborgenen Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Aneignungsbereichen öffnet, deren faszinierende Geografie sie selbst ebenso erstaunt und erschüttert wie den völlig unvorbereiteten Hörer.

Schon auf ihrem letzten Album “Bubbles And Bones“ betrieb Erika Stucky ein hintergründiges Spiel mit Versatzstücken aus Alpenfolklore, Pop und Jazz. Europäisches prallte auf Amerikanisches und invertierte meist genau dann seine Wertigkeit, wenn man in der Musik auf einem der beiden Kontinente Stellung bezogen zu haben glaubte. Die Demarkationslinien zwischen Archaik und Avantgarde, zwischen Vorstellung und Wirklichkeit wurden von beiden Seiten durchbrochen. Je weiter sich Erika Stucky zurückfallen ließ, desto prophetischer schaute sie voraus. Es ging ihr um die absolute Wahrhaftigkeit jedes einzelnen Ausdrucks, deren Summe oft etwas völlig anderes ergab, als ihre einfache Addition hätte vermuten lassen.

Auf “Lovebites“ braut die schweizerische Weltenbummlerin ein noch organischeres Hybrid aus verschiedenen kulturellen Zuständen und einander ausschließenden Epochen. Sie beschreibt einen weiten Bogen von Melodien, die jeder kennt, in ihrer vermeintlichen Endgültigkeit jedoch keiner je zu covern gewagt hätte - so “A Whiter Shade Of Pale“ von Procul Harum oder die unvergängliche Liebeskummerschnulze “Love Hurts“ von Nazareth - zu einer Reihe von eigenen Songs. Erstaunlich ist dabei nur, dass die Songs aus Stuckys eigener Feder oft viel vertrauter klingen als die Klassiker. Gleich der Opener “Stolen Kisses“ offeriert ein ganzes Bündel bekannter Bilder und DÈj‡-vus. Erika Stucky nimmt den Hörer mit in ein Labyrinth der Erinnerung. Dazu braucht man niemals den Standpunkt des gegenwärtigen Beobachters zu verlassen. Ihre Songs sind gerade deshalb so entspannend, weil Imagination ohne Sentimentalität auskommt und das Album in seiner Gesamtheit anmutet, als würde man ein buntes Magazin durchblättern.

Stuckys Bilder werden dreidimensional, indem sie mit ihrer Stimme oft eine ganz andere Richtung einschlägt als mit ihren Texten. Mit Stimmführung und Melodie setzt sie schicksaltiefe Kontrapunkte zum wörtlichen Inhalt des oft naiv anmutenden gesungenen Textes. “Als Schauspielerin folge ich der Maxime, nichts zu spielen, was ich nicht fühle“, so Erika Stucky. “Manche Songs existieren als Hookline drei Tage in meinem Kopf, verfolgen mich, bis ich beschließe, ihnen mehr Fleisch am Knochen zu geben. Bei anderen Liedern sind es Bilder, die ich schon lange in mir trage und die endlich nach draußen wollen. Wieder andere Songs habe ich irgendwann im Radio gehört. Ich wurde von ihnen gefesselt und dem Menschen hinter ihnen verzaubert. Durch ständiges Wiedersingen lernte ich irgendwann den Text auswendig und machte sie zu meinen eigenen Songs. Vor der Aufnahme eines jeden Songs erzählte ich dem Produzenten Knut Jensen jedoch exakt die Geschichte, die ich mit ihm verband.“

Auf diese Weise wurde “Lovebites“ zu einem Klangfilm. Er setzt sich aus verschiedenen Episoden zusammen, deren roter Faden Erika Stuckys Stimme ist. Doch die Sängerin ist nicht die einzige Darstellerin in diesem Songstreifen. “Ich habe die beste Band der Welt“, schwärmt sie. “Ohne die Jungs wäre die Musik keinesfalls, was sie ist. Musiker wie Ray Anderson, Lew Soloff, Jon Sass und Bertl Mütter sind ein Gottesgeschenk. Ich habe in den letzten zehn Jahren so intensiv mit Bläsern gearbeitet, das mein Gesang davon sicher stark beeinflusst ist.“ In der Tat umrankt die Bläsersektion mit zwei Posaunen, Tuba, Sousaphon und Trompete Stuckys selbst zur Verbalposaune verzauberte Stimme wie märchenhaftes Rankenwerk. Andererseits liefert gerade diese Instrumentierung die architektonische Grundlage für die Brücke vom Matterhorn zu den Mississippi-Sümpfen. Im Kino ihrer Lieder inszeniert Erika Stucky nicht nur die Handlungsstränge, sondern getsaltet auch die Umgebung für ihre Songs.

“ Lovebites“ ist eine Sammlung von Kleinodien, ein Korb in der Sonne schillernder Bernsteine mit konservierten Erinnerungen, die in jedem Betrachter andere Assoziationen wecken. Es ist ein ebenso liebevolles wie leidenschaftliches Bekenntnis zur Schweiz, wie es ausgerechnet in der Adaption von Jimi Hendrix' “If Six Was Nine“ mit Klangdokumenten von den legendären '68er Demos in Zürich am besten zum Tragen kommt. Zugleich beschreibt das Album einen Ausbruch in die Welt und eine Rückkehr in den Mikrokosmos einer Persönlichkeit. Kämpferischer Anachronismus als bewusster Widerstand gegen digitale Kälte, dokumentiert in dem kurzen, spontanen Gesprächsfetzen “Rolling“. Musik als Prozess einer individuellen emotionalen und intellektuellen Bewegung, einer permanenten Aneignung und Neubewertung. Nicht zuletzt ist dieses Album das beeindruckende Manifest eines befreienden Zweifels, der sich ultimativ in dem Hidden Track “I Want A Man Like Joe Pesci“ entlädt.

© Traumton Records, Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten



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