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   Fênix: Marfim: Release-Informationen

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VÖ: 15.10.2004
EAN/UPC: 705304506028
Traumton CD: 4475

Der Mann hat Geschmack. Bei der Auswahl der Kompositionen für seine zweite CD greift der brasilianische Countertenor Fênix auf einige der brillantesten Köpfe der MPB, der Música Popular Brasileira, zurück: Caetano Veloso, Nelson Cavaquinho, Lulu Santos, Zeca Baleiro und Totonho. Alte und junge Meister, die für kreative Verschmelzung brasilianischer Traditionen mit neuen internationalen Entwicklungen stehen. Erstklassige Künstler also, schmückend wie Elfenbein, was der Albumtitel „Marfim“ übersetzt bedeutet.

Auch Fênix’ androgyne Stimme hat was von dem kostbaren Zahnbein des Elefanten: Sie ist hell, klar und so rar wie die Sonne im deutschen Sommer. Dort hingegen, wo der Sänger aufgewachsen ist – im nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco – hat man eher zuviel Sonne. Im Sertão, dem trockenen Landesinneren des Nordostens, wo Dürre und Landflucht, aber auch die Verwurzelung in Glauben und Aberglauben das Leben prägen, hätte man sicher nichts gegen ein paar Tage deutschen Sommer einzuwenden. Hier hat man neben Sonne und Sand vor allem eines reichlich – Rhythmen. Und erstaunlicherweise fängt keiner davon mit „S“ an. Denn an was denken zirka 99 Prozent der Leute zuerst bei den Stichworten Brasilien und Musik? Eben: Samba. Darin steckt das ganze Tropenklischee von Zuckerhut und sonnigen Stränden mit ewig tanzenden Mulattinnen in sündig knappen Tangas. Nur ist mit Samba nicht einmal ein Prozent aller Formen und Variationen innerhalb der brasilianischen Musik benannt. Fênix’ Wurzeln heißen Forró, Maracatu, Frevo, Coco, Ciranda, Cavalo marinho, Caboclinho, Xote, Baião, Mangue-Beat, Afoxé und Maculelê – die Rhythmen des Nordostens. Sehr deutlich war dies auf seinem ersten Album „Eu, causa e efeito“ (2002, Traumton/Indigo) zu hören, wo beispielsweise die Trommler von Maracatu Nação Pernambuco rhythmische Farben des Nordostens beisteuerten. Fênix ist jemand, der im Zwielicht des Pop die Farben verteidigt.

Auch auf dem neuen Album „Marfim“ zeigt sich der Countertenor stolz auf diese Wurzeln und Einflüsse. Das drückt sich im Song „Nhém, nhém, nhém“ aus, einer Ciranda, wo mit intelligentem Witz Metaphern für die ländlichen Bezüge des Nordostens konstruiert werden und der mit den doppelbödigen Zeilen endet: „Porque sonhos não se limitam a artistas e os tubarões de Pernambuco não toleram surfistas.“ (Weil Träume den Künstler nicht begrenzen und die Haie von Pernambuco keine Surfer dulden.) Geschrieben hat das Lied Totonho (der auch mitsingt und Gitarre spielt), einer der spannenden neuen Musiker der MPB, ebenfalls aus dem Nordosten stammend; der seine Platten schon mal Fidel Castro, der Madonna und Jesus zusammen widmet.

Merkwürdigen Polytheismen forscht auch Fênix nach. Dem der Liebe und dem Verlassenwerden. Der ewigen Saudade, dieser verdammten Sehnsucht. Und dann singt er doch einen Samba, allerdings einen ganz verhaltenen: „Para um amor no Rio“ von Zeca Baleiro, dem hier niemand geringeres als der Ausnahmepercussionist Marcos Suzano den Takt schlägt. Ebenso gedämpft interpretiert er das Lied „Duas horas da manhã“ der Samba-Legende Nelson Cavaquinho (geschrieben mit Ary Monteiro) als Musik für die blauen Stunden.

Seit zehn Jahren lebt Fênix in Rio de Janeiro, unterbrochen durch Aufenthalte in New York. Er ist beileibe kein Pé de serra, zu deutsch „Gebirgsfuß“. So bezeichnet man in Pernambuco alles, was aus dem Hinterland stammt, noch rau und ungeglättet in die Stadt kommt. Auf „Marfim“ entstammen fünf der elf Lieder seiner Feder, zwei davon als Co-Autor. Es sind Popsongs, urban und universal. Programmatisch eröffnet er das Album mit „Cara a Tapa“ (Verwette meinen Kopf), einer von ihm verfassten portugiesischen Version des Res-Hits „They Say Vision“. Er hörte das Lied in New York im Fernsehen, kaufte die CD und schrieb auf dem Rückflug nach Brasilien den neuen Text: „Se fui bem claro eu mostro que é provável / Sambar, cantar, compor, erguer sem ser palatável / Finjo o que sei, o que eu não sei / pra que me confundir com aquele na televisão.” (Wenn ich mir klar geworden bin, zeige ich was möglich ist. Samba tanzen, singen, komponieren, mich steigern ohne geschmäcklerisch zu sein. Ich heuchle etwas zu wissen, etwas nicht zu wissen, um mich mit jenem im Fernsehen zu vermischen.) Der Phönix, wie er in unserem Kulturkreis bekannt ist, verbrennt wenn er stirbt und steigt aus der Asche wieder empor. Fênix (Phönix) illustriert mit „Marfim“ eine Erneuerung, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Eine hochgradige Stimme im Universum des Pops made in Brazil. Eher melancholisch als fröhlich. Saudade ist, die Dinge wie zum letzten Mal zu sehen. Oder zum ersten Mal. Manchmal ist es dasselbe. Cara a tapa. Darauf verwette ich meinen Kopf.
/ Friedhelm Teicke


© Traumton Records, Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten



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