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traumton.radio
   Sanagi: Pippi (Single): Release-Informationen

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VÖ: 16.06.2006
digital only
EAN/UPC: 705304449424
Traumton CD: 4494

Sanagi - Mish Mash

„Wir nennen es der Einfachheit halber Elektropop, obwohl wir glauben, dass jedermann Musik versteht, die sich durch mehr als nur einen Stil
ausdrueckt“.

Elektropop ist Popmusik mit elektronischen Instrumenten. Wenn man den Start des Genres mit dem Erscheinen der Hot Butter Single „Popcorn“ 1972 ansetzt, dann haben Sanagi im 34. Jahr nach „Popcorn“ allermindestens das Kunststück vollbracht, die Liste möglicher Einflüsse auf sehr amüsante und nicht einfach nur vordergründige Art und Weise ins nahezu Unendliche zu verlängern.
Überraschend ist das nicht, denn Lene Toje, 25, Gesang, und Robin Sato, 22, Elektronik haben bis zu ihrem Abschluss im Juni 2005 drei volle Jahre am Liverpool Institute for Performing Arts (LIPA) ihr Handwerk perfektioniert, und gleichzeitig ideale Produktionsbedingungen für ihr Debüt „Mish Mash“ vorgefunden.
In den Fussstapfen von Elektropop-Grössen wie Air über die Eurythmics und Heaven 17 bis Ladytron haben sich Sanagi in Liverpool ihr eigenes PopSurround-Universum gebaut, und das ist sehr divers und sehr verschieden von den genannten Vorläufern.
Der Kosmos der beiden basiert zunächst einmal durchgehend auf der durchaus minimalistischen Begeisterung für alle möglichen Spielarten des Pop und vor allem dem unbedingten Elan, diese Begeisterung auch zu performen, auszudrücken. Anfänglich ahnt man das gar nicht, denn der Opener des Albums, „Rabbit Hole“ ist einfach ein betörendes, klares & minimalistisch-elektronisches Märchenlied darüber, wie man sein Zuhause oder wie Lene sagt „seine Stimme“ findet. Doch bei „Porcupine“steigt schon das Tempo. Man findet sich auf einer teils auf den Urgründen des House basierenden Tanzfläche wieder und tanzt sich die Seele aus dem Leib, während Björk als nordische Zauberfee freundlich aus der Ferne grüsst. Das bleibt dann, man ahnt es bereits, nicht lange so. Denn das folgende „Bang Bang“ ist eine mitreissende Nummer, die irgendwo bei Funkstörungs „Disconnected“ feat. Enik anfängt, später auf einmal mit einem Bangles-Popchorus bezaubert, bevor das Ganze sich gegen Ende in eine Art nordischen Shanty mit rougher Hiphop Ästhetik zerlegt. Solch verschiedene Stile miteinander zu verschmelzen, ist Produktionsprinzip auf „Mish Mash“; der Name sagt es eigentlich schon.
Die Ästhetik eines „Prince mit einer Frauenstimme“ (Bangles) findet man denn weit hinten im Album noch einmal humorvoll auf „Dirty“ verarbeitet. Weil auf eben diesen Song im Vorserienstadium schon so viele Freunde reagierten, setzen Sanagi mit „Our Way“ gleich noch eine deutlich Timbaland-beeinflusste Dancenummer oben drauf, verlieren sich nebenbei, wie auf „Dirty“, völlig im Zirkuszelt elektronischer Blasinstrumente und modeln auch noch 50 Cents Ausruf an Eminem „Yo, M., your my favourite white boy!“ in „Yo, Rob, your my favourite Japanese!“ um.
Japanisch. Sanagis Stilmix klingt in all seiner scheinbaren Unmöglichkeit schon „japanisch“, nach mehr Pop als Pop: Überpop. So verwundert es nicht zu erfahren, dass Robin Sato zwar in London geboren, aber in Japan aufgewachsen ist. Der damals 16-jährige Schüler der internationalen Schule von Osaka wurde zum „Fan von Psychedelic Trance Acts wie Hallucinogene oder den Infected Mushrooms“. 2001 schliesslich kam der damals noch solo arbeitende elektronische Musiker (mit Begeisterung für die ganze Armada der neuen, cluborientierten Spielformen der elektronischen Musik, von Funkstörung über die Shitkatapult-Sachen bis zur englischen Grime-Szene) nach Liverpool, um Musik zu studieren und dabei die Norwegerin Lene Toje zu treffen. Sanagi wurde gegründet.
Das japanische Wort „Sanagi“ bedeutet Kokon, also „Puppe“ oder „Larvenhülle“. Das bringt einen auf die Idee, dass Sanagi gar nicht so extrovertiert sind, wie grosse Teile des Albums erscheinen. Texterin und Sängerin Lene Toje ist Norwegerin, hat einige Zeit in Asien zugebracht und zählt eine Reihe norwegischer Künstler zu ihren Einflüssen, die nicht aus dem Pop kommen. Da sind die zum Jazz zählenden Come Shine & Radka, als auch Bel Canto (Elektronik mit Frauenstimme). Auch hört sie Weltmusik wie Mari Boine aus Lappland, und schliesswlich Kaizers Orchestra und Madrugada.
Lene ist das akustische Sprachrohr des Kokons, und sie ist sich der Spannung zwischen Leichtigkeit und Tiefe bewusst: „Wenn du einen sehr ernsthaften Song machst, und danach einen lustigen: Wie kommst du wieder zurück zur Ernsthaftigkeit? Ich bin gerne beides.“
Einige der Tracks in der Mitte des Albums zeigen das deutlich, das zauberhaft traumsequente „Lunatic“ als Hommage ans Spinnertum zum Beispiel. Gefolgt von „Manic Mind“, einem sehr Radio-kompatiblen Popsong, der von den schlaflosen Nächten der Besessenen erzaehlt, von kleinen Vokalkollagen unterbrochen, mit Rückwärtsklavieren verziert, und einer untergründigen Referenz an die Acidzeit der Wende der 1980er auf die 1990er Jahre, inspiriert übrigens auch von einem norwegischen Kinder- und Volkslied, Mikkel Rev (Mikkel, der Fuchs).
Schliesslich dann „A childish cry for help“. Dies ist ein Song, der die unzweifelhaft vorhandenen Reminiszenzen an Björk einmal richtig auf den Punkt bringt. Lene Tojes Gesang schimmert an den Grenzen surrealer Engelhaftigkeit entlang, während Robin Sato zur Wiedergeburt des langjährigen Björk-Produzenten und LFO Masterminds Mark Bell wird – mit der ganzen Macht verzerrter, hochkomprimierter Beats, dem Sinusbass, der TR-909 Crashbeckenkeule.
„ Mish Mash“, das 12 Titel umfassende Debüt der japanisch-norwegischen Sanagi, ist vordergründig betrachtet als collagierte und mitreissende Reise durch die halbe Pophistorie geraten - mit Reminiszenzen an die Grossen, auch an den unwiderstehlich kreativen Produktionswahnsinn von Outcast oder Brian Wilson, im Elektronischen durchaus auch an Matthew Herberts unendlich weiterforschende Arbeiten rund um die elektronische Popmusik erinnernd.
Doch die minimalistischen Hiphop-Beats, der Dreck, das Shouting und das Treibende verhallen auf der grossen Wiese zwischen Songwriting und Trackwriting nicht ohne Fragen, wenn das Album sich dem Ende zuneigt. Denn die beiden wissen, dass es um etwas Dramatisches geht und verarbeiten diese Erkenntnis ständig, wie Robin formuliert: „Ich glaube, es kommt vor allem auf der Bühne heraus. Während wir solche Songs, in drei Jahren, machten, solange hatten wir Platz. Doch wenn wir jetzt auf der Bühne sind, dann starten wir sehr leise und ernst und kommen erst am Ende zu Hiphop und Rapping und ... das ist eine dramatische Struktur, und eine Menge Leute können das unterschreiben.“ Weil es so vielschichtig ist, und dabei so einfach zu verstehen. Für fast jedermann und abseits vieler Nischen elektronischer Musik.
Das Ganze hat während zweier, bereits gelaufener Deutschlandtourneen bereits so schön funktioniert, das Sanagi sich dafür entschieden haben, ihre Zelte in Berlin aufzuschlagen, wo sie für die weitere Arbeit Zusammenarbeiten mit lokalen Künstlern planen, während „Popcorn“ unendlich leise im Hintergrund tickert...
Sanagi hören zur Zeit unter anderem: Joanna Newsom, Lady Sovereign, Eminem und Kaizerz Orchestra.

Sanagi bei MySpace: myspace.com/sanagimusic



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