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   Erika Stucky: Suicidal Yodels: Release-Informationen

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VÖ: 12.10.2007
EAN/UPC: 705304450925
Traumton CD: 4509
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Suicidal Yodels

Nach Bubbles, Liebesbissen und Prinzessinnen geht Erika Stucky in ihrem neuen Programm „Suicidal Yodels“ dem scheinbar typischen Schweizer Kulturerlebnis auf den Grund. Doch bald schon merkt der Zuhörer, dass das Jodeln nicht etwas urtypisch Schweizerisches ist, sondern urtypisch menschliches, ausgeprägt in den verschiedensten Kulturen rund um den Globus. Und die Jodel bringen nicht immer nur „Heile, heile Segen“, sondern können auch durchaus selbstmörderisch sein. Dann wird das Zäuerli zum „Swiss Voodoo“ oder zum Alpen-Blues. Grenzen überschreitet Erika Stucky nicht nur bei der Gestaltung ihres Programms. Keine Grenzen kennt sie auch, wenn es darum geht tradierte Musikformen oder Kompositionen in ihre Welt zu holen. Das ist immerzu spannend, überraschend und witzig – auch wenn der Witz manchmal im Halse stecken bleibt.

Kongenial unterstützt wird Erika Stucky bei „Suicidal Yodels“ vom Salzburger Posaunisten und Sänger Sebastian Fuchsberger (Mnozil Brass) und dem in Wien lebenden Tubisten Jon Sass.


SWISS VOODOO - DEN SCHWEIZER BLUES JODELN

Erika Stucky ist eine dieser seltenen Sängerinnen, die in beinahe jeder Situation, in jedem Genre zuhause zu sein scheinen – wobei ihre Stimmbänder eine kräftige, innere Verbindung zwischen den Stilen, Vorlieben und Vorurteilen herstellen. Ihr Modus Operandi liegt irgendwo zwischen Stegreif-Musikbefreiungskommando und melodischem Groucho-Marxismus. Zum Teil liegt das an ihrem ausgeprägten Sinn für „Serious Fun“: das Verdrehen von Pop-Standards, Doppeldeutigkeiten, kokette Kapriolen, sowie ein unbändiger Drang, das „Licht“ in „Erleuchtung“ zu entdecken. Und dann wäre da noch ihr Traditionen in die Knie zwingendes Jodeln.

> Geboren wurde sie als Tochter Schweizer Eltern in San Francisco zu Beginn der Hippie-Bewegung. Ihre popmusikalische Prägung erhielt sie in einer Zeit, in der Kaugummi quasi über Nacht selbstleuchtend wurde, so dass jeder – Kenny Rogers, Tommy James, Donovan, Sly Stone etc. – von seinen Abenteuern in der Welt der bewusstseinserweiternden Freizeitdrogen sang. Ihre Instinkte (genetische Vorbestimmung?) wurden angefüttert mit Pop, Psychedelic und – jawohl – sogar traditioneller Schweizer Musik, inklusive Jodeln. All das leitete die Wanderschaften dieser freien Seele, erlaubte ihr, durchzubrennen, zu schmelzen, zu befruchten und befruchtet zu werden, geographische und musikalische Grenzen zu überqueren.
In den Siebzigerjahren kehrte ihre Familie in die Schweiz zurück, in ein kleines Dorf in Oberwallis, wo Stucky einen Kulturschock erlitt – eine kognitive Dissonanz, ein schlecht gemixter Drink aus Entzücken und Entsetzen, abgeschmeckt mit einem Schuß Verwirrung. Aber auf dieser CD, ihrer bisher vollkommensten – nicht schlecht für ein Zwischenprojekt! -, hat sie es geschafft, Material zu erkunden, das wahrscheinlich seit ihrer Kindheit in ihr gereift ist, sie verwandelt die Unruhe zwischen ihren beiden Küsten in etwas Dynamisches mit vielen Ufern, gleichermassen persönlich, regional und international; akustisch, elektrisch und atmosphärisch. Die Lieder bieten ein dynamisches, sinnträchtiges Pastiche von Formen, Personen und Stimmungen, noch verstärkt durch die inspirierte Finesse ihrer musikalischen Mitstreiter.

Jeder Track offenbart eine andere Facette dieses stabilen Klangdreiecks: Die persönliche, das sind Stuckys häufig packende, aber auch verschmitzte Vocals, die erschüttern, zersplittern, schwellen und schwingen – und jodeln – um eine breite Palette von Emotionen hervorzurufen. Die regionale zeigen Stucky und co., wie sie mit ihrem Umfeld jammen, während der atmosphärische Aspekt die Stimme, Instrumentierung und regionalen Geräusche in eine fast exotische Sphäre versetzt. Kurz gesagt: üppig, aber innig. Man kann sich leicht vorstellen, wie Alan Lomas, Phil Spector und Hector Zazou dasitzen – verzaubert, aber leicht verblüfft.

Erika Stucky ist besonders gut darin, Erwartungen zu sprengen, die Ikonenzerstörung als eine Quelle erfindungsreicher Hommagen zu nutzen. Ihre Coverversionen – auf früheren Aufnahmen von Prince, Procul Harum, Nirvana, Hendrix oder Michael Jackson – sind immer erfrischend ungewöhnliche Darbietungen. Was sie jetzt mit dem jungen Dylan oder Fats Dominio anstellt, ist nicht weniger eindrucksvoll.
All das wird noch verstärkt durch die Strategie des „Field Recording“, die das Element der zufälligen Störung als Teil des musikalischen Schaffensprozesses integriert, genau jenes Element, welches Studioproduzenten sonst zu glätten und wegzuschneiden versuchen. Die „Suicidal Yodels“ werden aus der klinisch-reinen Studioumgebung herausgeholt und gezwungen, sich in der richtigen Welt zu behaupten. So ergibt sich ein ehrlicher Straßenkünstler-Sound, ein authentisches „Basement Tapes“-Gefühl.

Zum Thema Jodeln: Ein gewagter und begrüßenswerter Schritt – eine CD mit Jodel-Songs. Wenige haben ihn gewagt und noch weniger waren damit erfolgreich. Ich habe Erika Stucky in meinem Buch „Yodel-Ay-Ee-Oooo: The Secret History of Yodeling Around the World“ portraitiert, da sie die dynamische Neuerfindung des Jodelns repräsentiert.

Sie ist in der Lage, das akustische beschwörende Jodeln gegen das raue Kneipenjodeln und das erweiterte freie abstrakte bzw. Skat-Jodeln auszubalancieren, so dass ihre Stimme nicht nur Gefühle, sondern auch Raum, Geographie und das eigene seelische Verhältnis dazu ausdrückt. Sie befreit das Schweizer Jodeln von den dogmatischen Begrenzungen der offiziellen Wachhunde der Volksmusik, die, in ihrem Bemühen, ihre nationale musikalische Herkunft zu bewahren, dieselbe einem langsamen und unschönen Erstickungstod ausliefern.

Erika Stuckys Geheimnis ist ihre Fähigkeit, ihre Begrenzungen beim Jodeln in bewegende Soul-Musik zu verwandeln – wie Jimmie Rodgers. Dieses Jodeln ist weder Ruf nach der Herde, noch ornamentaler Refrain. Nein, ihre Naturjodler, Scat-Jodler, Pop-Jodler und ihre Jodel-Samples dienen dazu, uns noch tiefer in ihre lyrische Welt hineinzuziehen. Genau wie bei Hank Williams. Die primäre Funktion des Jodelns, die eines nach aussen gerichteten Rufes, wird zu etwas innerlichem abgewandelt, wie ein Mantra oder eine Gebetsglocke. Eindringlich genug, um unwiderlegbar zu beweisen, dass das Jodeln zeitgemäß ist, vielfälig – und hip.

Die „Suicidal Yodels“ sind aus verschiedenen Gründen selbstmörderisch. Ungleich den meisten Jodlern, die einem in den Sinn kommen, die erhebend und freudig enden, bewegen sich die Schweizer Zäuerli – besonders die Naturjuutz- oftmals eine Oktave nach unten, in ein Register, das Melancholie ausdrückt, bis man fühlt, wie der Brustkorb zu resonieren beginnt, so wie man es nur Tibetischen oder Gregorianischen Mönchen zugetraut hätte. Das wird zu Recht als „Schweizer Blues“ betrachtet und weckt häufig Bilder von Berghirten, die lange, einsame Winter überstehen müssen, was eine Auswirkung auf die Schweizer Seele hat, die durch keine Fülle an Schnaps oder atemberaubenden Ausblicken gelindert werden kann. Der Jodler geht tief. Und, wie Erika Stucky bemerkt: die Schweizer haben eine der höchsten Suizidraten der Welt. Ja, das Schweizer Jodeln ist definitiv die Höhenluftvariante des „Blue Yodel“.
Bart Plantenga

• Bart Plantenga produziert seit 20 Jahren seine Radiosendung ‘Wreck This Mess’ in New York (WFMU), Paris (Radio Libertaire) und zur Zeit in Amsterdam (Radio Patapoe). Außerdem ist er Autor der Novelle Mystic. Sein YODEL-AY-EE-OOOO: The Secret History of Yodeling Around the World ist die erste globale Geschichte dieser geheimnisvollen Vokalkunst. ROUGH GUIDE TO YODEL ist die gekürzte Hörbuch Version dieses Buchs. Zur Zeit arbeitet er an seinem zweiten Buch ‚Yodel in Hi-Fi‘. Er lebt in Amsterdam.

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