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   Corin Curschellas: Grischunit: Release-Informationen

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VÖ: 05.09.2008
EAN/UPC: 705304451724
Traumton CD: 4517

The making of Grischunit - a film by Dominink Meyer


Grischunit

Leuchtendes Kupferrot und bodenständiges Metallikgrau – so präsentiert sich das äußerst seltene Mineral Grischunit. Ein Stein, der Millionen von Jahren im Boden Graubündens gewohnt hat und doch erst seit wenigen Jahrzehnten bekannt ist. Ein singuläres Geheimnis aus der rätischen Schweiz, nirgendwo sonst auf dem Planeten zu finden. Wenn die Sängerin Corin Curschellas ihr neues Album nach einem solchen Stein benennt, hat das eine bezwingende Symbolik: Sie zeigt damit die Verwurzelung ihrer Kunst in der heimatlichen Erde, und wie spannend es ist, sich auf ihre Entdeckung einzulassen. Und nicht zuletzt betont sie mit diesem singulären Mineral als Paten auch die Einzigartigkeit ihrer Lieder: Mit einer der seltensten Sprachen aus der Mitte Europas entwirft sie einen kühnen Bogen bis an den Hudson River.

Herkömmliche Berufsbezeichnungen können dieser Frau kaum beikommen: Singer/Songwriterin, Musikerin, Komponistin, Theater- und Filmschauspielerin – all diese Facetten hat Corin Curschellas in ihrer künstlerischen Vita schon ausgebreitet. Sie wuchs in Chur auf, und war von Anfang an einem polyglotten Umfeld ausgesetzt: Der Vater ist Rätoromane, die Mutter deutschsprachige Bündnerin, und untereinander sprachen die Eltern genauso natürlich Französisch. Von der Schauspielschule in Zürich zog sie ihre Kreise nach Berlin und Paris, erreiste sich Europa, aber auch alle anderen Kontinente. Und ist immer auf dem abenteuerlichen Doppelgleis zwischen Regionalem und Weltläufigem gefahren, hat ein Netzwerk zwischen Zuhause und Anderswo aufgebaut. Mit dem Urgestein der Schweizer Musik, Walter Lietha, der Berner Kollegin Christine Lauterburg und dem Projekt eCHo sowie Max Lässers Überlandorchester ging sie genauso Teamworks ein wie mit Musikern aus aller Damen und Herren Länder, darunter das (weltum-) spannende Global Vocal Meeting und die ägyptischen Musicians of the Nile. Und sie lässt sich seit vielen Jahren immer wieder auf die Sprache der Jazz- und Avantgarde-Größen ein, etwa dem Vienna Art Orchestra, aber allen voran der New Yorker Szene um Peter Scherer und Marc Ribot. Besonders für ihre romanischen Lieder haben sich die beiden long time companions als Klangmaler erster Güte erwiesen – und tun dies nun erneut.

Es war im Jahre 1996, als Corin Curschellas unter dem Motto “Voices of Rumantsch“ erstmals romanische Poesie auf die Weltbühne brachte und sie dazu in ein modernes Ambiente bettete. „Valdun“ hieß das Werk und etablierte einen Fixpunkt in ihrem vielfältigen Schaffen. Musiker vom Big Apple über die europäischen Metropolen Paris und London bis hin nach Brasilien entwarfen eine weitflächige Spielwiese für die Rumantsch-Verse. Nach zwölf Jahren kehrt Corin nun zu diesem Fixpunkt zurück – unter veränderten Vorzeichen: Auf „Grischunit“ konzentriert sie sich auf fünf Mitmusiker, die nun eher einen geschlossenen Bandsound kreieren. Die Essenz ihrer Songs kann so noch stringenter erfasst werden.

“ Wie damals habe ich wieder geschaut: Was erzählen mir meine romanischen Poeten-Freunde?“, erzählt Curschellas. „Ein verbindendes Thema habe ich ihnen nicht vorgegeben, außer, dass ich in den Versen eine Tiefe und Ruhe haben wollte, keine Hektik. Wie ein breiter Fluss, ein Strom, der schon ganz gewachsen ist, sollte da Album werden.“ Dem Ruf des Stromes folgten viele: Da ist die Berühmtheit Linard Bardill, der als Barde und Autor von Kinderliedern bis zu Orchesterwerken alle Pfade der deutsch-schweizerischen und rätoromanischen Klangkunst bereichert hat. Da ist die Lyrikerin und Kurzprosa-Spezialistin Fabiola Carigiet und der in Mexiko und Breil aufgewachsene Bündner Thomas Cathomen. Im Kanon der Grischunit-Autoren sind verschiedenste Generationen versammelt: Es findet sich der bereits verstorbene Pater Alexander Lozza genauso wie der Nachwuchsautor Arno Camenisch. Und natürlich stand Corin Curschellas der bewährte Begleiter Benedetto Vigne zur Seite mit Texten und auch als Ko-Autor der Musik. Gedichtet wurde in den drei romanischen Idiomen Sursilvan, Surmiran und Vallader, aber auch in der neuetablierten, künstlichen Hochsprache Rumantsch Grischun, denn so Curschellas: „Ich bin nicht das Sprachrohr irgendeiner Talschaft und ihrem Idiom. Ich möchte mit meiner Stimme allen gehören!“

Nach den rudimentären Vertonungen mit Piano und Dulcimer traten die Songs ihre Reise über den Atlantik an, um vom US-Schweizer Keyboarder und Producer Peter Scherer in adäquate Soundscapes gesetzt zu werden. Als dieser die Klangtableaus bereitet hatte, traf man sich in Brooklyn zur Aufnahmesession. „Es war wie im Auge des Sturms“, erinnert sich Corin Curschellas. „Rundum tobte der Orkan, dieses Summen, der New Yorker Puls, der zu jeder Tages- und Nachtzeit auf einer hohen Frequenz schlägt. Und wir waren da drinnen, total verlangsamt. Doch daraus entstand eine besondere Energie: Auf der einen Seite ich, die immer mehr zu einer Art ‚senilen Stadtflucht’ neigt, und dort die New Yorker mit dem immer spürbar Urbanen, das eine Leidenschaft und ein Können mit sich bringen, die sie ganz akkurat auf den Punkt spielen lassen.“ Besonders bei Marc Ribot, der auf „Grischunit“ mit seiner Saitenkunst fast wie eine zweite Stimme agiert, nahm sie dieses „Brennen“ in jeder Sekunde wahr. Mit einem breitgefächerten „Tasten-Park“ von kristallinen Keys bis scheppernden Orgeln schafft Scherer unterschiedlichste Sphären, während Shahzad Ismaily am Bass mal sehr erdig dann wieder sanglich grundiert und Matt Johnson am Schlagzeug mal feine Pinselstriche, dann auch zupackende Rockdrums beisteuert. Im Zentrum stets die „Naturstimme“, wie Corin sich selbst nennt, ungekünstelt, sehr innerlich und visionär, dem Text dienend und ohne affektierte Artistik, herzlich und beherzt.

Balladeske Roadmovies, spirituelle Wanderungen und Träume, Anklänge an Blues, an Country-Rock und natürlich das experimentelle Vokabular des Big Apple ist auf „Grischunit“ zu einem grandiosen Zyklus gebündelt: „Ina Buna Per Tai“ erzählt im Latin-Flair und mit Ribots verschrobenen Noise-Gitarren von dem Kuss, den der Verstorbene seiner Frau durch die Glut des Kaminfeuers schickt. Mit „Porta Porta“ rührt sie an Tagespolitik, wenn die umstrittene Porta Alpina, die geplante Gotthardtunnel-Station mitten im Rumantsch-Territorium, sich hier zum Sinnbild für geistige Offenheit und visionäre Verknüpfung wandelt. Im „La Canzun Nova Da Ziteil“ erzählt sie von pilgernden Bergbauern und hebt ihre Frömmigkeit auf eine konfessionsübergreifende und gerade deshalb ergreifende Ebene. Und ganz erstaunlich das bluesige „Pinada“: zunächst fast ein Rumantsch-Analog zu Curtis Mayfields „People Get Ready“, warten in der Bridge bissige Kommentare des jungen Dichters Leo Tuor zur heutigen Ellenbogengesellschaft. Bis zum großartigen Finale von „Che Di, Che Not“ hält sie den Hörer gefangen, eine unter die Haut gehende Hymne an die aufgehende Sonne.

Und so endet dieses Werk mit einer signifikanten Aufbruchstimmung: „Mir kam einmal dieses schöne Bild in den Sinn, dass ich hier in den Cresta-See springe und im Hudson River wieder auftauche“, so Curschellas. „Natürlich hätte ich auch Musiker aus der Schweiz nehmen können. Doch ich möchte mich hinauskatapultieren und ein Teil der universellen Musiksprache werden, damit meine Lieder verständlicher sind und ich keine Folklore kreiere.“ Und auf dieser Ebene leistet sie einen umso wirksameren Beitrag, dass die romanische Sprache nicht verschwindet. Für die einzigartige Bündner Vokalzauberin ist es ein Anliegen, dass das Rätoromanische kein fossiler Abdruck des Lateinischen bleibt, „ein Fetzen der römischen Toga, der an den Alpen hängen geblieben ist“, wie sie sagt. Nein – diese Sprache ist ein lebendiger Klang all der Sehnsüchte, Hoffnungen, Träume und Freuden der Menschen in diesen Tälern und auf diesen Höhen - nicht irgendwo am Rande der Welt, sondern mitten in Europa. In den Liedern von „Grischunit“ erwachen sie alle zu vielstimmiger Vielfalt.



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