Alle News
Alle Künstler
Alle CDs
Alle Tourdaten



traumton.radio
   Frederik Köster Quartett: Zeichen der Zeit: Release-Informationen

[Tracks]   [Infos]    [Pressematerial]   [CD bestellen]



VÖ: 20.03.2009
EAN/UPC: 705304452226
Traumton CD: 4522

     

„Zeichen der Zeit“

Zeichen der Zeit – einen solchen Titel hätte sich nach der Jahrtausendwende wohl kaum noch ein Jazzmusiker seiner Platte zu geben gewagt. Einst die Plattform für musikalische Innovation schlechthin, hinkte der Jazz in den letzten Jahren der Wirklichkeit immer weiter hinterher und schien sich manchmal in geradezu entgegengesetzter Richtung zu bewegen. Vor allem die deutsche Szene gefällt sich auf breiter Ebene mit dem puren Nachäffen amerikanischer Vorbilder oder paneuropäischer Beschaulichkeit. Nur wenige Musiker wie Michael Wollny, Nils Wogram, Eric Schaefer, Carsten Daerr oder Arne Jansen haben den Mut, eigene Pfade auszutreten. Zu dieser Riege der jungen Aufgeweckten stößt jetzt der Kölner Trompeter Frederik Köster.

Bereits die ersten Töne des die CD eröffnenden Titelstücks machen unmissverständlich deutlich: hier geht es weder um intellektuelle Rotwein-Gemütlichkeit noch um artiges Nachbeten des Jazzkanons. Eine harte Rockgitarre prallt in spitzem Winkel auf eine Jazztrompete und setzt Trauben elektronischer Effekte frei. Wenig später schraubt sich ein Gitarrensolo über dichten Grooves in lichte Höhen eines alternativen Rockfirmaments, um jäh von der Trompete geschluckt zu werden. Die Musik ist voller rasanter Brüche, Stimmungswechsel und Verschiebungen der stilistischen Bezugsebene. Nur eines eint alle Phasen dieser unterschiedlichen Bewegungsformen in musikalischen Landschaften – die unbändige Lust am spielerischen Ausbreiten im Augenblick. Doch Köster setzt nicht nur Zeichen der Zeit, er ist auch ein Kind der Gegenwart. „Die meisten Jazzmusiker meiner Generation sind nicht mehr mit Jazz aufgewachsen, sondern mit anderer Musik“, kommentiert er sein reichhaltiges Menü. „Bei mir vermischt sich Jazz mit Alternative Rock und Pop, der sich aus dem Fenster lehnt. Als Jugendlicher habe ich Rock gehört, mit 20 habe ich mich zwei Jahre lang nur noch mit Jazz beschäftigt, aber irgendwann merkte ich, dass die Musik meiner Teenager-Zeit mich doch geprägt hat. Ich wollte diese Erfahrung mit dem verbinden, was ich im Jazzstudium gelernt hatte.“
Doch es sind nicht nur musikalische Momente, die hier kulminieren. Köster versteht es, den Stress und die Hektik der Gegenwart ebenso hörbar zu machen wie die Sehnsucht nach Ruhe und Entspannung. Er muss nicht einmal die Jazztradition verleugnen, um sie durch das Spiel mit alltäglichen Beobachtungen und Bedürfnissen anzureichern. Beim Hörer setzt er nichts weiter voraus als die Bereitschaft zuzuhören und sich in der Musik gehenzulassen. Seine Kollisionen und Atmosphären sind natürlich das Ergebnis musikalischer Synthesen, doch die herkömmliche Fusion-Philosophie, die den interdisziplinären Jazz immer noch beherrscht, hat er weit hinter sich gelassen. „Unsere Musik sollte trotz der Verschmelzung so vieler Stilelelemnte nicht elektronisch klingen, sondern organisch“, betont er. „Wir benutzen zwar viele Effekte, vermeiden aber so einen synthetischen Sound, der alles Natürliche überdeckt. Natürlich spielen wir eine Fusion aus verschiedenen Stilen, aber mit dem Begriff Fusion können wir nichts anfangen. Das klingt mir zu sehr nach achtziger Jahren. Ich fühle mich stärker der Musik der sechziger und neunziger Jahre verbunden.“

Womit sich Köster in die Front der innovativen Stilisten des Jazz in Vergangenheit und Gegenwart einreiht, denn – ohne hier in die Falle des Namedroppings zu tappen – die Großen des Jazz haben dem jeweiligen Jazzkanon immer ein Schnippchen geschlagen und ein kreatives Scharnier zwischen den Errungenschaften des Jazz und dem jeweiligen Puls der Zeit gefunden. Natürlich kam der Sound, den man auf „Zeichen der Zeit“ hört, nicht von heute auf morgen. Köster, Gitarrist Tobias Hoffmann, Bassist Robert Landfermann und Drummer Ralf Gessler arbeiten seit fünf Jahren fest zusammen. „Auf unserer ersten CD Constantly Moving haben wir Stücke aus einem Fenster von fünf Jahren verwendet. Man erkennt genau das älteste und das neueste Stück und kann die Entwicklung dazwischen nachvollziehen. Das neue Album repräsentiert unseren aktuellen Entwicklungsstand. Wir haben einst als Groove-Band angefangen. Das war mir aber irgendwann zu platt. Ich wollte etwas mehr Tiefe in die Musik bringen, und wir bezogen Effekte und unsere Wurzeln in der alternativen Rockmusik ein. Daraus wurde die Musik, die man jetzt hört.“

Das Frederik Köster Quartett improvisiert, doch es geht mit Improvisationen anders um, als man es von der breiten Mehrheit der Jazzgruppen kennt. Improvisation ist hier nicht gleichbedeutend mit der spontanen Paraphrasierung von Tönen und Skalen, sondern viel mehr Ausdruck eines kreativen Umgangs mit Klangfarben und Sounds. „Wir arbeiten viel mit Flächen und Atmosphären“, so Köster. „Sicher sind Skalen und Akkorde auch wichtig, aber im Vergleich zur letzten Platte sind wir in unseren Strukturen viel einfacher geworden, um Platz für diese Flächen und Atmosphären zu schaffen. Die impressionistische Seite an der Musik war mir schon immer sehr wichtig. Einfach mal die Augen schließen und die Musik auf sich wirken lassen.“

Bislang galt das Spektrum der deutschen Jazztrompete jenseits des Free Jazz als zwischen Till Brönner und Nils Wülker abgesteckt. Köster bringt nun eine völlig neue Dimension in dieses Spannungsfeld. Dabei fällt vor allem sein Bekenntnis zu musikalischer Komplexität auf. Für das Spiel mit Sounds und Klangflächen sind ja eher Gitarristen, Keyboarder oder DJs bekannt als Virtuosen auf der guten alten Trompete, deren natürlicher Gestaltungsspielraum limitiert ist. Doch Köster hat ein besonderes Verhältnis zu seiner Spezies. „Ich höre mir kaum Trompeter an. Natürlich habe auch ich erstmal bei Miles, Chet Baker, Freddie Hubbard, Clifford Brown oder Booker Little angefangen. Dagegen will ich auch gar nichts sagen. Aber in der letzten Zeit habe ich kaum noch Trompeter gehört, sondern eher Nils Wograms Root 70, John Hollenbecks Claudia Quartet oder John Coltrane. Eigentlich ist es mir total egal, ob ich Trompete, Klavier oder Gitarre spiele. Meine Musik entsteht ja im Kopf. Ich sehe mich nicht als den traditionellen Jazztrompeter, sondern bin einfach Musiker. Ich habe schon immer gern Klavier und Gitarre gespielt, und man hört, dass ich einige Stücke auf diesen Instrumenten geschrieben habe. Mich interessiert die Musik als Ganzes. Deshalb entfernt sich die Musik ein wenig vom Instrument.“

Was nicht heißt, dass Köster keinen packenden Ton hätte. Nicht selten macht er seinem Hörer die Entscheidung schwer, ob er nun in ein und dem selben Moment messerscharf oder butterweich klingt. In seinem Ton schwingen so viele Empfindungen mit, dass sie sich kaum eindeutig zuordnen lassen. Er braucht auch nicht auf elektronische Manipulationen zurückzugreifen, um einen unglaublichen Fundus an Timbres abzurufen. Indem er seinen Ton instinktiv der jeweiligen Atmosphäre anpasst, bleibt er in jedem Moment seines Spiels absolut unberechenbar. Vor allem mit Gitarrist Tobias Hoffmann verschmilzt er zu einer musikalischen Symbiose, die an Pat Metheny und Lyle Mays oder Nils Petter Molvaer und Eivind Aarset erinnert. Trotz seines Bandnamens ist das Frederik Köster Quartett eine fest gefügte Einheit, die nicht nur von den musikalischen Leistungen der vier Beteiligten lebt, sondern vor allem auch von der engen menschlichen Verschworenheit innerhalb der Gruppe. Vier Musiker, die einander viel zu erzählen haben und diese Erzählungen gern an ihren Hörer weitergeben.

Ob „Zeichen der Zeit“ nach Jazz klingt oder nicht, mag jeder Hörer an seinen eigenen Vorlieben messen. Dem Frederik Köster Quartett geht es um pure, unverstellte Kommunkiation auf der Höhe der Gegenwart. Musik für den Augenblick mit einem Anspruch auf Ewigkeit. Das Kurzwort dafür ist – Jazz.

 

[nach oben] [zurück]



© Traumton 1998 - 2007 ::: Impressum ::: ::: home