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   Christian Zehnder: schmelz: Release-Informationen

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VÖ: 10.09.2010
EAN/UPC: 705304454220
Traumton CD: 4542

Christian Zehnder Quartett - Schmelz

Die Stimme ist ein rätselhaftes Instrument. Man meint sie zu kennen, schließlich hat man tagtäglich mit ihr zu tun. Sie scheint erforscht und in ihrer Dimension seit langen Jahren definiert, doch dann kommt jemand wie der Sänger des schweizer Duos 'Stimmhorn' Christian Zehnder mit seinem neuen Quartett und wirft Fragen auf. Denn schmelz hat nicht viel mit dem, was der Titel dem Anschein nach assoziiert, gemein.

Ästhetik ist eine Vereinbarung in Geschmacksfragen. Im Fall der Stimme hat sich während der vergangenen Jahrhunderte ein Konsens herausgebildet, der vor allem auf die Reinheit des Klangs Wert legt. Das hat seine Wurzeln in der Kirchenmusik, die jede Form von Kontrollverlust in Form von möglicherweise schwer zu steuernden Emotionen zu vermeiden suchte, weil das Teufelswerk sonst seinen Weg in die Welt hätte finden können. Heraus kam eine zugespitzte Form der Kunststimme, flankiert von geduldeten, dezent raueren Seitenlinien der Volksmusik, die das europäisch musikalische Stimmverständnis bis heute dominiert. Zwar ist die Avantgarde dagegen angerannt, hat Röcheln, Schreien, Syllabieren zum sounddramaturgischen Handwerkszeug hinzugefügt. Aber selbst der flehende Ruf des Blues beschränkte sich nur auf graduelle Veränderungen von Timbre, Artikulation und Diktion, die im Kern einem Idealbild des volksmusikalisch Tolerierten entsprachen.

Doch es gab Ausnahmen dieser Regel und sie hingen zumeist mit der räumlichen und kulturellen Distanz zu den Normen des christlichen Abendlandes zusammen. Afrika hatte eine umfassende Tradition der Trancegesänge, bevor die Missionare kamen. Asien kennt bis heute aufregende Klangüberlieferungen etwa in den Obertongesängen von Tuva. Und auch in Europa gab es entlegene Gegenden, die sich der Uniformität widersetzten. „Bei uns in der Schweiz“, meint Christian Zehnder, „gibt es eine eigenständige Entwicklung des Obertongesangs, die unabhängig von dem gelaufen ist, was wir zum Beispiels von Huun Huur Tu kennen“. Und dann erzählt er von Resonanzräumen im Kopf und Atemtechniken, die archaisch wirkende Klänge hervorrufen, die vor allem deshalb irritieren, weil sie dem Ideal des Vorhersehbaren und Kontrollierten eine kantige und emotional bewegende Ausdruckskraft entgegensetzen.

Dabei geht es Christian Zehnder nicht um den Effekt. Er ist vielmehr ein von Grund auf neugieriger Mensch, der sich nicht mit einmal Erreichtem zufrieden gibt und daher ständig nach alternativen Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Geboren in Zürich und ausgebildet in Basel, hat er während der vergangenen zwei Jahrzehnte verschiedene künstlerische Entwicklungsstadien durchlaufen, angefangen mit dem mehrfach preisgekörnten Duo Stimmhorn über verschiedene Projekte, die ihn mal mit Kollegen wie den Obertonsängern von Huun Huur Tu, dem Theaterlabor der Amazonas Oper der Münchner Biennale oder dem renommierten Latvian Radio Choir zusammen gebracht haben, mal zu eigenen Experimenten wie mit den Gruppen gländ und kraah geführt haben. Er hat sich ausführlich mit dem Jodeln beschäftigt, hat Kunstlied und Theatersprache ebenso durchleuchtet wie rar gewordene Lieder wenig frequentierter Alpentäler und auf diese Art und Weise ein Instrumentarium der vokalen Ausdrucksformen angesammelt, das seine Musik markant von der Normalität des Stimmerlebens absetzt.

Sein aktuelles Quartett und das Programm schmelz sind daher konsequente Fortentwicklungen der Erkundungen, die er mit Gruppen wie kraah bislang gewagt hatte. Christian Zehnder geht es dabei um Klangfarbe und das Ensemble des künstlerischen Eindrucks. Sprache etwa wird zu einem der vielen Mittel der Gestaltung, inhaltlich mal ironisch gebrochen, mal in Silbenfragmente zerlegt. Das Pfeifen und Näseln der Obertöne steht gleichwertig neben den Registersprüngen des Jodelns, die zugespitzte lyrische Diktion neben der Lakonik rezitierender, sinnierender Momente. Musikalisch ist von der Tango-Ahnung bis zum Hauch der Avantgarde alles möglich, wobei das aus dem kraah-Trio hervorgegangene Quartett schmelz durch Barbara Schirmer und ihr Schweizer Hackbrett eine neue, irisierende Klangcharakteristik bekommt.

Das Resultat dieser Kombination ist faszinierend, irritierend. Volksmusikalisch Alpenländisches trifft auf eine Prise Balkan, mittelalterlich Anmutendes auf Klänge, die man in der afrikanischen Tradition vermuten würde. Schmelz ist moderne Kammermusik auf der einen und hintersinniges Varieté auf der anderen Seite. Das Programm spielt mit den Erwartungen an die imaginäre Folklore, schwenkt ins Theatralische, gibt vor, mal Chanson, mal Arabeske zu sein, jongliert mit der Sprache, die es zerhackstückt oder poetisch auskostet, überhöht und skelettiert. Christian Zehnders Klangideen sind dabei offen für Einflüsse, Assoziationen aus allen Kulturkreisen, die von Asien bis Südamerika, die sich für die Umsetzung seiner musikalischen Visionen anbieten. So entsteht eine eigenständige musikalische Welt, die, obwohl mitten aus Europa, ungewohnter, exotischer erscheint als vieles, was die Ferne zu bieten hat.

Christian Zehnder über schmelz und seine Stimmkunst:
„Jodel und Obertongesang sind für mich die ursprünglichsten und ergreifendsten Gesangsformen, die eigentlich auch nicht an bestimmte Kulturen gebunden sind. Das Jodeln zum Beispiel findet man überall auf der Welt, in den schillerndsten Ausprägungen. Global Jodeling als völkerverbindende Sing- und Kommunikationsform. Es ist eben auch meine Biographie, die aus mir singt, und die kümmert sich nun einmal nicht um Stile und Regeln des Gesangs. Ein launisches Tier ist sie schon, meine Kehle. Dass kann dann auch mal süss klingen, wie bei Schuberts Liedern, endet aber zumeist unverhofft in einem weitläufig raunenden Crescendo eines übermütigen Berglers.“

 

Christian Zehnder wurde mit dem mehrfach preisgekrönten Duo Stimmhorn bekannt, das von 1996 an mit ungewohnten Klang- und Spielvorstellungen die moderne schweizer Folklore prägte. Neben eigenen Projekten (kraah, gländ und schmelz) arbeitet er als Solist mit verschiedenen internationalen Formationen wie Huun Huur Tu, Mercan Dede, dem casalQUARTETT und Don Li. Als Interpret Neuer Musik wirkte Christian Zehnder bereits bei der Amazonas Oper der Biennale München mit und kooperierte mit dem renommierten Latvian Radio Choir aus Riga. Sein Interesse an der darstellenden Kunst bringt ihn außerdem mit dem Theater zusammen, wo er als Schauspielmusiker, Komponist oder Regisseur Projekte realisiert.



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