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   Science Fiction Theater: Dolly Shot: Release-Informationen

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VÖ: 06.09.2013
EAN/UPC: 705304458723
Traumton CD: 4587

Science Fiction Theater, Dolly Shot
Das Theater des kunstvoll abgefeierten Klischees

Raumschiff Enterprise, Orion, Barbarella oder Perry Rhodan? Für Freunde, Fans und Feinde der trashigen SF-Unterhaltung gibt es seit einigen Jahren einen Soundtrack der besonderen Art; den einen zur Bestätigung, den anderen zur Bekehrung, die „gute, alte Zeit“, sie bringt zuweilen auch großartig Neues hervor, das Züricher Science Fiction Theater!

Die Intro zu US-Fernsehserie Science Fiction Theatre wird den Zuschauern 1955 so exotisch und aufregend vorgekommen sein, wie dem heutigen Hörer die neue CD Dolly Shot der (fast!) gleichnamigen Band. Wunderliche, futuristische Apparate, eine Musik ebenso schmeichelnd wie bedrohlich. Bei den Pulp-Schweizern muss man allerdings gewahr sein, dass unversehens ein von (Johnny) Rotten verfolgter Chewbacca das futuristische 60er-Jahre-Idyll stört oder sich neben Lino Ventura in einer Citroën DS plötzlich Captain Kirk materialisiert.

Aus einem Trio mit einem Steady-Gig in Zürich ging nach fünf Jahren und mehreren Umbesetzungen 2010 das aktuelle Quintett hervor, das aus einem lokalen Spass universalen Ernst machte. Versetzten in den 60ern die „Frogs“ die Erde in Aufregung, alarmierte knapp 50 Jahre später das Debütalbum Pimp Town die Jazzpolizei. Darauf folgt jetzt Dolly Shot: Surf und Soul, Easy Listening und Avantgardefrickeljazz, Synthiegezwitscher und Wortsamples, Rock, Punk und Filmmusik ohne Parkerlaubnis, ein buntes Völkchen tummelt sich da auf diesem Silberling.

Hier spricht der Captain des postmodernen Raumfliegers, Christoph Grab: "Ich bin in den 80er-Jahren mit Rock und Punk sozialisiert. Gleichzeitig hat mich das Filmische und Erzählerische in der Musik immer interessiert." Der Züricher Saxofonprofessor wurde dermaßen von Trash-, Science-Fiction- und Krimifilmen der letzten 100 Jahre imprägniert, dass ihm mit seiner Band unwillkürlich und ständig der Sprung ins Paralleluniversum gelingt, das Mittun in zahlreichen Projekten aller Art aber verhindert, dass er sich darin verheddert. „Die anderen Bands haben eher Einfluss auf das SFT als umgekehrt. Höchstens wenn ich bei einer Soundscape-Improvisation dann so typische Casio-Melodiechen spiele, schauen mich die anderen schon mal komisch an.“ Seine musikalische Crew, Felix Utzinger/Gitarre, Christian Rösli/Keyboards & Laptop, Valentin Dietrich/Bass, und Andy Wettstein/Schlagzeug, steuert viele Ideen bei, zuweilen zur Überraschung des Captains: „Manche Stücke werden ganz anders als ursprünglich gedacht; auch live gehen wir mit dem komponierten Material sehr frei um. Und zwischen den Stücken machen wir immer wieder Soundscape-Improvisationen, gewissermaßen die Filmmusik nach den Titelmelodien." Und zu seinen Kompositionen: "Beim Komponieren für meine Jazzbands wehre ich mich gegen Klischees, suche das Eigene, beim SFT lasse ich sie zu und spiele mit ihnen herum. Das Eigene entsteht beim SFT im Spiel mit dem Material und durch die starken musikalischen Persönlichkeiten, die hier aufeinander prallen.“

Und so rauscht auf Dolly Shot in musikalischen Parsecs ein Jahrhundert Trash durchs Ohr, zwischen Kunst und Kitsch, alt und neu, schön und schräg. Das Science Fiction Theater macht bei aller musikalischen Ernsthaftigkeit Spaß, assimiliert unentwegt und unbekümmert alte Versatzstücke, ohne diese zu zitieren und kreiert dadurch Neues. 

Als Dolly Shots werden in der Filmsprache Sequenzen bezeichnet, die von einem „Dolly“, einem mobilen Kamerawagen, herab gemacht werden. Bewegte und bewegende Momentaufnahmen - die Titel „Dolly Shot A-D“ sind auf der CD frei improvisierte Kabinettstückchen, die wie komponiert wirken. Die anderen Titel sind klarer konzeptioniert: „Titty Twister“ ist eine Hommage an Quentin Tarantino und die gleichnamige Bar im Film From Dusk till Dawn, „Flucht ins Dunkel“ wurde vom Filmmusikkomponisten Lalo Schifrin und Verfolgungsjagden der 70er-Jahre inspiriert. In „Halbwelt“ wabert ein imaginäres „Film-Noir-Krimigefühl“ zwischen schweren Jungs und leichten Mädchen durch die Kalotten, „Horny Mutant“ ist ein tragisch-komisches Musik-Gebilde in der Tradition der Mutanten der Filmgeschichte, und „Sputnik“ schließlich erweist wunderbar-schlechten Science-Fiction-Filmen wie Barbarella, Flash Gordon oder Godzilla die Ehre, jenen Gruselkabinetten billiger Effekte, in denen Kulissen ungeschminkt als Kulissen erschienen, das Falsche echt war und nicht die perfekte Illusion vorgaukelte. Die Musik des Science Fiction Theater bietet im Adorno-Umkehrschluss die Möglichkeit ein „wahres Leben im falschen“ zu hören, den Geist schweifen zu lassen, wo heutzutage die perfekte Digitalinszenierung die Phantasie am Abheben hindert. Das Anstoßen von Klischees im Hörerhirn ist zugleich die Zündung für einen Trip ins Unbekannte; wer mit dieser Band an Bord geht, tut das mit dem Enterprise-Leitmotiv: „To boldly go, where no one has been gone before“.
Oder wie Truman Bradley weiland zu Beginn jeder Folge von Science Fiction Theatre verkündete: „Let me show you something interesting."



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