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   Andreas Matthias Pichler: The Waltz Of Our Hundred Kids: Release-Informationen

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VÖ: 06.06.2014
EAN/UPC: 705304460726
Traumton CD: 4607

Andreas Matthias Pichler
The Waltz Of Our Hundred Kids

Wo genau verlaufen die Grenzen zwischen Jazz auf der einen und Folk, Rock und Pop auf der anderen Seite? Worin genau unterscheiden sich amerikanische Traditionen von den musikalischen Überlieferungen Europas? Und was macht die Alpengipfel anders als die Mountain Tops der Rocky Mountains? All diese Fragen drängen sich auf, wenn man das Debütalbum der Pichler-Brüder hört.

In Österreich gelten die Rhythmus-Zwillinge Andreas und Matthias Pichler längst als Geheimtipp der nationalen Jazz-Szene. Wolfgang Muthspiel wurde nicht müde, die 1981 in Tirol geborenen Zwillinge über den grünen Klee zu loben, als sie ihm 2005 auf seinem Album „Bright Size“ und drei Jahre später nochmals auf „Earth Mountain“ den Rücken stärkten, denn ihre musikantische Fabulierlust führte den Gitarristen zu ganz neuen Horizonten. In New York reicherten die Pichlers ihren Jazz-Fundus aus erster Hand an. Mittlerweile haben die beiden verwegenen Klangabenteurer die Gipfel der Tiroler Alpen gegen die Straßenschluchten von Berlin eingetauscht. Unentwegt in Europa und Amerika unterwegs, lasen sie jeweils auf, was sie am Wegesrand fanden, um all das auf ihrer eigenen, akzentuiert beiläufigen Spielwiese auszukippen.

Schon als Kleinkinder haben die Pichlers zusammen musiziert. Oder sollte man besser sagen, die unendlichen Weiten des Klanguniversums mit selbstgebauten Instrumenten und einem Resonanzkörper wie der Badewanne ausprobiert? In ihrer bisherigen Laufbahn haben sie beileibe nicht nur immer gemeinsam auf der Bühne oder im Studio gestanden, doch am stärksten sind sie stets im symbiotischen Doppelpack, weil sie dann wieder von jenem unerschrockenen Geist à la Tom Sawyer und Huck Finn befallen werden, der sie in den Tagen der Kindheit über alle Vorgaben der Erwachsenen hinauswachsen ließ.

So können sie etwas wagen, was bei den meisten europäischen Jazzmusikern unweigerlich in die Hosen geht. Ähnlich ihren Brüdern im Geiste, den amerikanischen Wood Brothers, nutzen sie ihren akkumulierten Jazz-Background, um ein Songalbum zu machen. Mit „Songs“ ist keine Sammlung tatsächlicher oder vermeintlicher Jazz-Standards gemeint, sondern das, was man ganz unvoreingenommen mit Singen verbindet. Ein musikalischer Urimpuls, der sich in keinen Genre-Käfig sperren lässt.

Im Bauchladen ihrer gemeinsamen Erinnerung kramten sie alle nur denkbaren Einflüsse zusammen, um sie zu Songperlen zu montieren, die diese je nach Lichteinfall ganz unterschiedlich schimmern lässt. Jeder Vergleich wäre eine Unterstellung, denn was die Pichler-Twins da hinlegen, ist beispiellos, aber gewollte oder ungewollte Parallelen zu Spain, Jesse Harris, The Sea & Cake, den Wood Brothers und gar den besseren Zeiten von Simon & Garfunkel sind nicht zu überhören.

Amerikanische Folk-Tradition, Kirchenlieder von beiden Seiten des großen Teichs, Barockmusik, Kinderlieder, Alpenfolklore, No Depression, Jazz, der frühe Postrock – all das und noch viel mehr hinterließ Spuren in den Song-Hybriden von Andreas Matthias Pichler, die in ihrem Projektnamen auf das obligatorische „und“ verzichten. Nichts davon drängt sich je in den Vordergrund, alles entfaltet sich wie ein Aroma über den Songs, das bei jedem Hörer andere Assoziationen auszulösen vermag. Die verbindenden Elemente der höchst unterschiedlichen, ausnahmslos auf Englisch vorgetragenen Songs sind die englische Sprache und das hohe Maß an doppelt individuellem Feingefühl, das die beiden Jungs hier an den Tag legen. Es mag an ihrer Herkunft liegen, dass sie zwar Einflüsse aufblitzen lassen, aber grundsätzlich beeindruckend unbeeindruckt wirken.

Wie schon in ihrer Kindheit kommen Andreas Matthias Pichler mit einem ganz minimalistischen Instrumentarium aus. Andreas spielt Banjo und Schlagzeug, Matthias zupft und streicht den Bass, beide singen, fertig. Dass sich im Ohr des Hörers noch ganz andere Klänge manifestieren, liegt daran, dass die Zwillinge nicht nur unschuldig drauflos musizieren, sondern eben doch mit Meisterschaft, Augenmaß und Raffinesse zwischen Song und Arrangement unverwechselbare Einheiten herstellen. Ihre Fähigkeit, zwischen den Zeilen aus jedem Ton ein Höchstmaß an spontaner Expressivität rauszuholen, zeugt davon, dass sie Improvisatoren aller erster Güte sind.

„The Waltz Of Our Hundred Kids“ ist ein Jazzalbum ohne vordergründigen Jazz, ein Fachwerkhaus aus naturbelassenen Songs, dessen Zwischenräume mit urbanem Jazz ausgestopft sind, eine Kammwanderung der… kurz ein Album, dessen verbale Beschreibung immer nur auf einen hilflosen Spagat hinauslaufen muss. Gegen dieses Dilemma hilft nur eines: Hören, verinnerlichen und immer wieder hören.



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