Alle News
Alle Künstler
Alle CDs
Alle Tourdaten



traumton.radio
   Matthias Loibner: Lichtungen: Release-Informationen

[Tracks]   [Infos]    [Pressematerial]   [CD bestellen]



VÖ: 13.11.2015
EAN/UPC: 705304462621
Traumton CD: 4626



Matthias Loibner - „Lichtungen“

Es gibt europaweit nicht viele Musiker, die sich ganz und gar der Drehleier verschrieben haben. Noch seltener sind jene Virtuosen, die den angestammten Horizont des Instruments nachhaltig erweitern. Matthias Loibner hat sich mit Volks- und Barockmusik beschäftigt, spielte beispielsweise als erster Joseph Haydns Kompositionen für Orgelleier ein, außerdem Stücke von Vivaldi und Chedeville. Darüber hinaus erschloss Loibner neues Terrain für die Drehleier, ließ sich von traditioneller Musik vom Balkan bis Ostafrika inspirieren, interpretierte Schuberts „Winterreise“, lotet Schnittstellen zum Jazz aus und experimentiert mit Elektronik. Oft arbeitet er dabei mit prominenten, bisweilen ebenso stilprägenden Partnern, etwa den Folk-Querdenkern Deishovida, dem pan-europäischen Sandy Lopicic Orkestar, der Jazzbigband Graz, dem avantgardistischen Trompeter Franz Hautzinger, der Sängerin Nataša Mirković und dem Ensemble Baroque de Limoges. Zudem war Loibner in Film- und Theaterproduktionen mit Hubert von Goisern, Henning Mankell, Dimiter Gotscheff und anderen involviert.

In den vergangenen 25 Jahren entwickelte Matthias Loibner einen eigenwilligen, schillernden Drehleier-Sound und profilierte sich gleichzeitig als facettenreicher Komponist. Für seine Spielweise und seinen Gestaltungswillen wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem renommierten französischen „Choc du Monde de la Musique“. Unter seinen vielen Veröffentlichungen ist Lichtungen erst das zweite Album, das er solo aufgenommen hat. Nur mit einer Drehleier, ohne elektronische Effekte. Sein Instrument stammt aus der Wiener Werkstatt von Wolfgang Weichselbaumer, einem Spezialisten für moderne Drehleier-Ausführungen. Im Gegensatz zu traditionellen Varianten verfügen sie über mehr Saiten, einen größeren Tonumfang und mehrkanalige Verstärkungsmöglichkeiten.

„Auf meiner ersten Solo-Platte habe ich verschiedene Geschichten erzählt. Diesmal gibt es ein übergreifendes Thema, das sich um den Titel des Albums Lichtungen dreht“, erklärt Matthias Loibner. „Manchmal erlebt man etwas, das einem den Mund offen stehen und die Gedanken pausieren lässt. Solche Momente waren die Ausgangspunkte für die Kompositionen.“ Es sind kleine Beobachtungen, die den Drehleier-Virtuosen inspirieren, Kontemplationen, die manchmal fast einer Meditation nahe kommen. „Am Küchentisch sitzen und eine Kerbe im Holz studieren“, schlägt Loibner als Motiv vor, „oder in Glut schauen, die sich ständig wandelt. Den gleichen Eindruck bekommt man, wenn man einen Laubbaum im Wind anschaut. Er bewegt sich immer anders und sieht nie gleich aus.“

Zum Wesen der Drehleier und zu Matthias Loibners Selbstverständnis als Komponist gehört die Nähe von himmlisch-klaren und kratzig-rauen Tönen. Klug gesetzte Kontraste sind ihm wichtig, und so changieren seine Stücke zwischen optimistischen und melancholisch angehauchten Stimmungen, zarten Melodien und schwungvollen Rhythmen. Viele Passagen strahlen eine in sich ruhende Energie aus, eine Souveränität, die durch gezielte Reduktion Stimmungen verdichtet und intensiviert.

„Ich hatte einen relativ ungewöhnlichen Werdegang“, fasst Matthias Loibner seine frühen Musikerjahre zusammen. 1969 als Sohn eines Organisten geboren, wurde er bald in die Harmonielehre eingeführt und begann mit Klavier, um später auch Gitarre und Posaune zu lernen. An der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz schrieb er sich für klassische und Jazz-Komposition sowie Orchesterleitung ein. „Natürlich habe ich während des Studiums alles mögliche gelernt, manches davon erschien mir aber inhaltsleer, trotz technisch hochstehender Aufführungen. Im Gegensatz dazu wurde Volksmusik oft belächelt und als schlampig oder unsauber abgetan.“ Schon damals fand er diese Bewertung unangebracht. Dennoch beschäftigte sich Loibner, gewissermaßen zwangsläufig, überwiegend mit Klassik, bis ein Festival dazwischen funkte. „Ich hörte dort serbische und bulgarische Volksmusik, die mich viel stärker berührte“, erinnert sich Loibner an sein Schlüsselerlebnis.

Gleichgesinnte Musiker fand er in der österreichischen Bewegung Neue Volksmusik. Ein Freund überreichte ihm eine Drehleier, die Loibner zunächst auf eigene Faust erlernte. Schließlich gab er sein Kompositionsstudium auf und widmete sich nur noch dem neuen Lieblingsinstrument. Nach diversen Kooperationen mit musikalischen Partnern aus sehr unterschiedlichen Stilen war Loibner klar, dass er sich schnell in verschiedene Konstellationen einhören konnte. Noch stärker betont er aber die Erkenntnis, worum es ihm in der Musik zu allererst geht. „Ich fragte mich, wie ich einem Fremden erkläre, wie man einen österreichischen Walzer spielt, dabei fiel mir auf, dass wohl jeder zweite Musiker diese Frage anders beantworten würde. Es kommt also viel mehr auf die Persönlichkeit des Spielers an als auf das Genre, in dem er sich gerade bewegt. Seitdem beschäftige ich mich vor allem mit den Menschen, die ich in verschiedenen Szenen kennen lerne.“

Dass Lichtungen kaum in gängige Schubladen passt, entspricht Loibners aufgeschlossenem Naturell und seiner künstlerischer Haltung. „Ich mag es, wenn Stile ineinander fließen. Es soll nach etwas eigenem klingen, nicht konkret nach Balkan oder Jazz oder Barock.“ Letztlich gehe es bei Musik doch um Inhalte, nicht um die Form. „Ich finde es uninteressant zu demonstrieren, was auf der Drehleier alles möglich ist, vielmehr möchte ich etwas von mir und meiner Geschichte mit anderen teilen.“

Seine zweite Solo-Platte ist für Matthias Loibner eine echte Herzensangelegenheit. Vor allem weil der Wahl-Wiener damit rechnet, bei seinen nächsten Produktionen wieder mit Musikern oder Ensembles zu arbeiten. Viele Entscheidungen rund um Lichtungen hat Matthias Loibner intuitiv getroffen, zudem ließ er sich reichlich Zeit für die Aufnahmen in einer idyllisch gelegenen Bergkirche. Obwohl manche Stücke ein weites akustisches Panorama ausbreiten, gibt es keine Overdubs. Was Kenner schon immer wussten, wird hier auch allen klar, die sich bislang eher am Rande mit dem speziellen Instrument beschäftigt haben: der Drehleier wohnt ein imaginäres Kammerensemble inne. Und Matthias Loibner versteht es meisterhaft, den enorm vielfältigen Klangreichtum der Drehleier hervorzuzaubern und aufleuchten zu lassen.



[nach oben] [zurück]



© Traumton 1998 - 2007 ::: Impressum ::: ::: home