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   Niels Klein Tubes and Wires: Life in Times of the Big Crunch: Release-Informationen

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VÖ: 28.04.2017
EAN/UPC: 705304464427
Traumton CD: 4644

Niels Klein Tubes & Wires
Life In Times Of The Big Crunch

Herkömmliche Genregrenzen stellt Niels Klein schon seit Jahren in Frage. Viel zu breit gestreut ist sein Interesse an Musik und Klang, um sich selbst zu limitieren. Der 1978 in Hamburg geborene, seit seinem Studium in Köln ansässige Musiker hat sich in den letzten Jahren als Komponist und Leiter unterschiedlicher Formationen profiliert. Darunter auch große Ensembles, vom Metropole Orkest über das European Jazz Orchestra bis zum EOS Kammerorchester. Spätestens durch diese Arbeit hat sich Klein angewöhnt, über die gängigen Horizonte hinaus zu schauen. „Was ist überhaupt Jazz?“, fragt der Saxophonist und Klarinettist und findet, „das meiste, was interessant ist, lässt traditionelle Kategorisierungen hinter sich.“ 

Während Niels Klein für seine ausgeklügelten Kompositionen und sein expressiv-farbenreiches Spiel mehrfach ausgezeichnet wurde (ECHO 2015 als Saxophonist, WDR Jazzpreis Komposition, Europäischer Komponistenpreis der Stadt Berlin), geht er mit seinem Quartett Tubes & Wires in eine etwas andere Richtung als bei seinen sonstigen Projekten. Hier wird besonders das Spannungsfeld von natürlich und elektronisch erzeugten Klängen, die Begegnung von Holz und Strom auf individuelle Art ausgelotet. Die Spielhaltung der vier gestandenen Jazzer verrät ihren Hintergrund, zeigt gleichzeitig aber auch ihr Wissen um die Qualität von klaren Linien und transparenten Strukturen. Selbstverständlich kann das Quartett spontan interagieren, zumal der variable Puls von ECHO-Preisträger Jonas Burgwinkel und nicht etwa aus der Platine kommt. Man höre nur Grid mit seinen rhythmischen Finessen. Tatsächlich stehen bei Tubes & Wires Soli und Sounds gleichberechtigt nebeneinander, letztere werden oft im Zusammenspiel entwickelt. Deswegen setzt Klein hier auch kein Saxophon ein, konzentriert sich auf diverse Klarinetten in vielen, auch ungewöhnlichen Tonlagen. „Klarinetten haben einen sehr klaren, linearen Klang, der sich für mein Empfinden viel besser als jedes Saxophon für elektronische Manipulationen eignet“, erklärt Klein. Selbst wenn er seinen Ton elektronisch vervielfacht, scheinen die synthetischen Doubletten noch sehr nah am Original zu liegen.

Der größte Teil des Albums wurde innerhalb von drei Tagen live im Studio eingespielt. Etwa die Hälfte des Repertoires hatte das Quartett zuvor bereits auf Tournee ausformuliert, den Rest schrieb Niels Klein innerhalb eines Jahres dazu. Für die CD war ihm der Album-Gedanke wichtig, also die Dramaturgie einer bestimmten Reihen- und Abfolge und ein großer, übergreifender Bogen. Wesentlich für das Konzept von Tubes & Wires ist auch die Erweiterung der spielerischen Möglichkeiten. Keyboarder Lars Duppler, Gitarrist bzw. E-Bassist Hanno Busch und Niels Klein selbst können mal Melodie-, mal Harmonie-, mal Bass-Instrument sein. „Anders als mit einem konventionellen Harmonizer kann ich mit meiner Kombination aus Whammys und einem Delay auch die komplexen Akkordstrukturen meiner Musik auf den Klarinetten darstellen und vielfältig variieren“, freut sich Klein. Durch sein ausgefuchstes Setup entsteht bisweilen der Eindruck, mehrere Klarinetten zu hören, obwohl er nur eine spielt. Ganz ohne Overdubs, versteht sich. Gleichwohl wurden nach den Aufnahme-Sessions in einigen Passagen noch weitere Spuren hinzugefügt. Unüberhörbar ist das im Stück Perpetual Waves, wo das extrem seltene Ondes Martenot die Melodie übernimmt. Das in den zwanziger Jahren entwickelte Instrument erlaubt, ähnlich dem Theremin, suggestiv-sphärische Glissandi, lässt sich aber mit Hilfe einer Klaviatur präziser intonieren. Niels Klein verweist in diesem Zusammenhang gerne auf Radiohead, die ein Ondes Martenot hin und wieder einsetzen, und auf Olivier Messiaens „Turangalila“-Sinfonie.

Wenn Niels Klein für Tubes & Wires komponiert, denkt er an die beteiligten Musiker, an die Welt der Science Fiction und an Alternative-Rock. Dass zwischendurch trotzdem, etwa in Moonbender, „frickeliger Jazz“ herauskommt, der auch expressive Soli bereit hält, trägt zum Reiz des unkonventionellen Projekts bei. Andererseits enthält das Album „die einfachsten Melodien, die ich je geschrieben habe. Viele Ideen kommen mir recht spontan und manchmal muss ich mich geradezu überwinden, etwas schlichtes einfach mal stehen zu lassen.“ Damit es insgesamt nicht zu eingängig wird, bringt Klein die Band im entsprechenden Moment dazu, einige Störfaktoren zu inszenieren. Etwaige Skepsis, es könne vielleicht schon zu dick aufgetragen sein, „werfe ich dann über Bord und sage: lass mal einfach so machen!“, grinst Klein.

Ein gewisser schräger Humor blitzt zwischen den Noten immer wieder auf. Das Titelstück Life In Times Of The Big Crunch und Backward Happiness sind, sagt Niels Klein, vom Spielfilm Mr. Nobody des belgischen Regisseurs Jaco Van Dormael inspiriert. Thema des Film sind die Auswirkungen von Entscheidungen und Gedankenspiele, was passieren könnte, entschlösse man sich anders. Für einen zweiten Aspekt holt Klein etwas weiter aus. „ „Es gibt die Theorie, die den Big Crunch als Gegenstück zum Big Bang sieht. Am Ende der Ausdehnung des Universums steht seine Verdichtung, die Zeit würde dann rückwärts laufen. Auch im Film gibt es einen Moment der Zeitumkehrung, in dem auf einmal alle glücklich sind. Diese Theorie fand ich witzig.“ Konsequent hat Klein bei Backward Happiness mit diesem Gedanken geflirtet. „Wir haben das Ende des Stücks rückwärts eingespielt und die Aufnahme dann umgekehrt eingebaut, so dass sie letztlich wieder vorwärts läuft.“

Mit dem zweiten Album von Tubes & Wires beweist Niels Klein erneut sein Gespür für besondere Konzepte. Die schillernde Fusion von Gebläse und Elektronik, der Mix aus atmosphärisch-ausgefeiltem Bandsound und spannenden Improvisationen ergibt einen ebenso eigenwilligen wie unterhaltsamen Sci-Fi-Jazz.

 



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