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   Escape Argot: Still Writing Letters: Release-Informationen

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VÖ: 03.11.2017 CH
EAN/UPC: 705304465424
Traumton CD: 4656

ESCAPE ARGOT

Still Writing Letters

Seit zehn Jahren begeistert Christoph Steiner mit der grandiosen Band Hildegard lernt fliegen in ganz Europa, versetzt distinguierte Gäste renommierter Festivals ebenso in Euphorie wie ein auf Punkrock eingestelltes Publikum im Berliner Underground-Club. Nebenbei hat Steiner u.a. mit Claudio Puntin und dem Lucerne Jazz Orchestra ein Album eingespielt und als frei improvisierendes Trio Das Beet mit Vokalakrobat Andreas Schaerer und Claude Meier (Bass, Elektronik) verblüfft. Schon im Rahmen seines Studiums schrieb der 1980 geborene Drummer Stücke, ebenso für sein Duo mit Marc Stucki. Escape Argot ist nun das erste Projekt, bei dem sich Steiner mit vollem Einsatz als Komponist und Bandleader exponiert.

Den Anlass dazu lieferte eine carte blanche-Einladung zum alljährlichen Festival der Berner Jazzwerkstatt. Steiner ersann eine ungewöhnliche Besetzung, die seitdem kontinuierlich weiter arbeitete. „Die Band sollte klein sein, damit sie beim Improvisieren beweglich bleibt“, erklärt er, „zudem wollte ich mich in eine neue Situation begeben. Deswegen fragte ich Christoph Grab, ob er dabei sein wollte.“ Mit dem Saxophonisten aus Zürich hatte Steiner bis dahin noch nie gespielt. Neben Tenor-, Alt- und Sopransax sowie Bassklarinette beherrscht Grab, Jahrgang 1967, auch Live-Elektronik; sein nonkonformes Projekt Science Fiction Theater bewegte sich zwischen ernsthaftem Jazz, lustvoller Anarchie, ironischem Surf- und Space-Rock. Den virtuosen, stilübergreifend denkenden Pianisten Florian Favre kennt Steiner schon seit Uni-Tagen. Ursprünglich aus der Westschweiz, hat Favre zuletzt mit seinem Trio, dem Album Ur und Konzerten u.a. bei der Jazzahead weithin begeistert. Sein Spiel vereint Konzentration, Dichte und Leichtigkeit, reflektiert klassische Einflüsse und Anklänge an Pop, fesselt durch Virtuosität und französischen Charme. „Florian spielt neben Klavier häufig auch Bass-Linien auf dem Moog-Synthesizer, vereint also zwei Instrumente in einem Kopf“, freut sich Steiner. Auf einen Bassisten hat der Bandleader bewusst verzichtet, „weil ich dann als Schlagzeuger andere Möglichkeiten und Pflichten in der Klanggestaltung habe.“

Das Repertoire auf Still Writing Letters klingt bemerkenswert variabel und bewahrt gleichzeitig einen konzeptionellen roten Faden. Im Zentrum steht das Prinzip, eine Komposition oder Improvisation als eine Klangreise zu sehen, die im Gegensatz zu traditionell angelegten Stücken nicht zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren muss. Manche Passagen locken mit lyrischen Melodien und subtiler Schönheit, andere durch anschwellende Dynamik, überraschende Wendungen und ostentative Energieschübe. Um die Interaktion zu beflügeln, ließ Steiner auf dem Papier viele Freiräume. Nur wenige Arrangements sind weitgehend ausformuliert, bei machen Stücken passt die fast fragmentarische Information in drei Notenzeilen. „Da können wir sehr persönlich kommunizieren und unsere gleichberechtigte Stimmen ausspielen.“

Die „Balance zwischen frei und organisiert“, die eigene Sprache und unkonventionelle Spielhaltung tragen viel zum Charakter von Escape Argot bei. Ausgreifende Klaviereinsätze und vereinzelte Moog-Linien, markante Saxophon-Modulationen und sensible bis kraftvolle Drums scheinen sich häufig selbst zu beflügeln. Steiner nimmt die Musik ernst und seine Person nicht zu wichtig. Virtuose Akrobatik liegt ihm fern. „Groove spielt natürlich eine Rolle“, erklärt er, „ich dachte aber nicht vom Schlagzeug her. Vielmehr ging es mir darum, Stücke durch bestimmte Klänge zu definieren.“ Hinzu kommen Spielfreude und ein auf Spontaneität basierender Gestaltungswillen, die sich schon auf dem Album, umso mehr in Konzerten zeigen. „Sich hinterm Notenständer zu verkriechen ist ja keine Lösung“, findet Steiner, „wir wollen, dass eine Kommunikation mit dem Publikum entsteht.“

Aufgewachsen ist Christoph Steiner zunächst nahe Basel, dann im kleinen, kulturell trotzdem eher städtischen Burgdorf, das zirka 30 Minuten von Bern entfernt liegt. Die obligatorische Blockflöte fand er als Grundschüler schnell langweilig, stattdessen kämpfte er für seinen Wunsch, Schlagzeug zu lernen. Mit 11 Jahren bekam er ein Set und ersten Unterricht. Das bewusste Hören von Musik begann der Teenager mit frühen Platten von Soundgarden und Pearl Jam. „Schon damals habe ich mich stilistisch nicht festgelegt“, erinnert er sich. Sein Gymnasiumskumpel Martin Ruch, heute in Berlin ansässig und für Mix und Mastering von Still Writing Letters verantwortlich, stellte Hiphop-Mixtapes zusammen; Miles Davis und John Coltrane lernte Steiner durch seinen Schlagzeuglehrer kennen. Schon vor dem Abitur reifte der Entschluss, Berufsmusiker zu werden. An der Hochschule Bern legte Steiner seinen Schwerpunkt auf improvisierte Musik, parallel dazu interessierte er sich weiterhin für andere Genres. Bis heute spielt er gelegentlich in Rockbands.

Christoph Steiner ist ein reflektierter Typ, mit dem sich auch über Gesellschaftliches sprechen lässt. „Ich finde, dass man als Musiker einen Gegenentwurf zur markwirtschaftlichen Norm leben kann. In der Schweiz ist es immer noch ein Statement, wenn man macht, was einem wichtig ist, etwa Zeit und Geld in ein vergleichsweise idealistisches Projekt investiert, statt sich einen BMW zu kaufen.“ Steiner hält es für wichtig, der Gleichgültigkeit der Konsumgesellschaft etwas entgegen zu setzen, mit der Kunst Emotionen und Gedanken auszulösen. So erklären sich auch manche wortspielerischen Titel der Stücke. „Dichter im Stress“ spielt auf die Diskussion über Dichte-Stress im Land an, in der behauptet wird, dass bereits zu viele Menschen in der Schweiz wohnten und kein Platz mehr für Zuwanderer sei. „Von außen betrachtet und mit anderen Teilen der Erde verglichen ist das natürlich Quatsch“, sagt Steiner. In ähnliche Richtung zielt „Überbauen mit Herr Mess“, dessen Titel sich auf den politischen Begriff der zu starken Bebauung und auf Steiners „Hermes“-Schreibmaschine bezieht, die er zuweilen als Perkussionsinstrument einsetzt. Und natürlich auf das englische „mess“.

Klar, dass auch Bandnamen und Albumtitel eine Bedeutung haben. „Argot steht für einen mittelalterlichen Gauner-Slang“, erläutert Christoph Steiner, „Escape meint bei uns nicht Eskapismus, sondern Ausbruch, genauer gesagt, mit Musik eine andere Ebene betreten. Zusammen genommen steht Escape Argot also für eine Musik als Sprache, die Dinge anders erzählt.“ Und warum Still Writing Letters? „Im Grunde betreiben wir eine altmodische Kommunikation. Ohne das nostalgisch verklären zu wollen: von Hand gespielte Musik ist wie Briefe schreiben. Im besten Fall nimmt man sich Zeit dafür.“

Anders als das alte Argot ist der Klang des Trios keine kryptische Geheimsprache, die man erst dechiffrieren muss, um sie zu verstehen. Im Gegenteil. Die gewitzte Musik fängt den Hörer ad hoc ein, weil sie durchdacht und lebendig wirkt, gekonnt zwischen zugänglichen und komplexeren Passagen pendelt. Der Spaß des Trios an Details und am druckvollen Spielen wirkt ansteckend. Aktueller Jazz, der auch ein jüngeres, Rock-affines Publikum begeistern kann.



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