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   RaaDie: Vast Potential: Release-Informationen

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VÖ: 25.01.2019
EAN/UPC: 705304467428
Traumton CD: 4674

RaaDie - Vast Potential

Wer meint, bereits alle möglichen und ungewöhnlichen Kombinationen aus Instrumenten und Stilen zu kennen, kann jetzt – wenigstens spaßeshalber – kurz nachdenken: schon mal ein Album von Trompete und E-Zither gehört? Die Idee mag auf den ersten Blick etwas schräg erscheinen. Umgesetzt von Lorenz Raab und Christof Dienz klingt sie aber ebenso schlüssig wie spannend. Seit über zehn Jahren treten die zwei Österreicher unregelmäßig zu zweit auf, 2008 veröffentlichten sie eine EP mit vier weitgehend improvisierten, live mitgeschnittenen Stücken. Vor rund zwei Jahren entschlossen sie sich, ihr erstes Duo-Studioalbum aufzunehmen. Dabei war ihnen wichtig, sich Zeit für die Produktion zu nehmen. Die sorgfältige Ausarbeitung ihrer Kompositionen bedeutet RaaDie heute ebenso viel wie die Freude an der freien Improvisation, die ihre früheren Kooperationen prägten.

Vielschichtig und detailgenau klingen die Stücke auf Vast Potential. Sie überraschen außerdem mit einem Klangfarbenreichtum, der aus versierter Spieltechnik und klugem Umgang mit elektronischen Effekten und Looper resultiert. Wer bei einer Zither lediglich an traditionelle Musik oder das Leitmotiv des Filmklassikers Der dritte Mann denkt, wird von Dienz' Spannweite verblüfft sein. Schon im ersten Stück des Albums, Perlentaucher, transzendiert er ihren ursprünglichen Klang ins ätherische, knüpft aus sparsamen, sorgfältig getupften Tönen und kleinen Patterns ein feines rhythmisches Gespinst, das lyrische Melodien der Trompete trägt. Eine knappe, Refrain-ähnliche Phrase und eine kurze Unisono-Passage verstärken den Song-nahen Charakter der Komposition. Im folgenden Vast Potential schwirrt die Zither zunächst meditativ wie eine indische Tanpura, grundiert von langen Bässen. Wenig später changiert das Stück ins Rhythmische, formen pointiert gesetzte Einzeltöne, eine funky Basslinie und leichte Beats einen lockeren Groove, der Raabs Trompete zu tänzelnden Motiven inspiriert. 

Flächige, elektronisch anmutende Sounds und Knackser bilden die Basis für das ruhige Flora, während Unterwasserfische eingangs Luft rauschen lässt, alsbald aber durch vielschichtige Zither-Patterns in unterschiedlichen Tempi rhythmischen Charakter entwickelt. Auf lautmalerische Art imaginieren kleine, fließende Motive eine fröhlich-bunte Unterwasserwelt, während die Trompete erhaben wie ein Manta durch das immer dichtere Gewusel schwebt. Sommer im Winter klingt kontemplativer, als es der Titel vermuten lässt, hier erinnern Arpeggien der Zither an eine klassische Gitarre. Hingegen erzeugt sie sie im folgenden On The Other Side mit langen Tönen im Stil skandinavischer E-Gitarristen eine dunkle, fast unheimliche Atmosphäre, die in Subtle Sand, dem am entschlossensten Richtung Elektro-Ästhetik tendierenden Stück, noch einmal kurz wiederkehrt. Selbstverständlich steuert auch Raab viele Facetten zum weiten Klangkosmos des Duos bei, indem er seine Trompete mal verschattet, mal obertonreich spielt, sie mit Dämpfern jazzig fisteln lässt oder mit warmem Timbre poetische bis melancholisch angehauchte Stimmungen kreiert. 

Es war schon 2004, als Christof Dienz seine Solo-CD Dienz Zithered aufgenommen und damit Lorenz Raab dermaßen beeindruckt hat, dass dieser ihn in seine xy-Band einlud. Beiden gemeinsam ist ein enorm weit gefächerter Musikgeschmack und eine substantielle Verwurzelung in der europäischen Klassik. Dienz, 1968 in Innsbruck geboren, begann als klassisch ausgebildeter Fagottist, war 1992 Gründungsmitglied und treibende Kraft des Neo-Volksmusik-Jazz-Oktetts Die Knödel und spielte von 1997 bis 2000 im Orchester der Wiener Staatsoper. Durch einen Kompositionsauftrag kam er 2001 zur Zither, „die ich mir dann selbst, mit eigenen Spieltechniken, beigebracht habe.“ In den folgenden Jahren pflegte ein Faible für improvisierte und zeitgenössische Musik, komponierte wiederholt auch für Theater; bis heute spielt er abseits von RaaDie immer noch Fagott. Als Inspirationsquellen nennt Dienz neben Prokovjew, Ravel und Schubert auch Prince, AC/DC, Björk und Xenakis.

Lorenz Raab, 1975 in Linz geboren, begann als Schüler in der örtlichen, von seinem Vater geleiteten Blaskapelle Rainbach, kam mit 14 an die Wiener Musikhochschule und studierte von 1997 bis '99 an der Bremer Trompetenakademie u.a. bei Kenny Wheeler und Ingrid Jensen. Zurück in Wien wechselte er vom Jazz wieder zur Klassik, seit 15 Jahren spielt er an der Wiener Volksoper ein vielfältiges Repertoire, darunter Werke von Strauss, Stravinsky und Bernstein. Daneben nahm er verschiedene Jazzalben auf, etwa mit seinem wechselnd besetzten Quartett mit den Koryphäen Michel Godard (Tuba), Lucas Niggli (dr.) und Erik Hegdal (sax.) respektive Niggli, Matthias Pichler (b) und Matthias Löscher (g) oder im Duo mit Pianist David Helbock (What's Next? I Don't Know). Eine recht unkonventionelle Kombination von Instrumenten bietet Raabs Trio, zu dem Ali Angerer (elektrischer Dulcimer, Tuba) und Rainer Deixler (dr.) gehören und in dem Raab selbst neben Trompete auch Harmonium spielt. Schon als Jugendlicher habe er sehr viel unterschiedliche Musik gehört, sagt Raab und listet neben Beatles, U2 und Queen auch Bach, diverse Jazzer und Led Zeppelin als Einflüsse auf.

Raab wie Dienz bringen jeweils eigene Kompositionsideen in ihr Duo ein, die sie dann gemeinsam ausarbeiten. „Ich weiß allerdings bis heute nicht, was ich für Christof notieren sollte“, lacht Raab, „also ist er bei meinen Stücken immer Ko-Komponist.“ Und Dienz ergänzt, „aufbauend auf der jeweiligen Grundlage habe ich für alle Stücke des Albums die endgültigen Arrangements geschrieben.“ Dass sich viele Songtitel auf Natur beziehen, erklären die beiden Musiker mit ihren Wurzeln in Tirol und Oberösterreich; während Dienz heute zwischen Innsbruck und Wien pendelt, ist Raab unweit Wiens in Klosterneuburg-Weidling an der Donau zuhause.

Neben ihrer Leidenschaft für stilistische Offenheit teilen die beiden gestaltungswilligen Musiker einen wahrscheinlich typisch österreichischen Humor, der zwischen den Noten und in Unterhaltungen immer wieder aufblitzt. Das Album Vast Potential lebt auch von dieser charmanten Gelassenheit, von einer Haltung, die zwar die Kunst ernst, die eigene Person dagegen gerne mal zurück oder gar auf den Arm nimmt. Der ungewöhnlichen Kombination aus Trompete, Zither und Elektronik wohnt ein enormes Potential inne, wenn es wie hier mit Anspruch und Witz ausgelotet wird. Lorenz Raab und Christof Dienz gelingt es, eingängige Melodien und subtile Nuancen in feinsinnige Arrangements zu gießen und so einen potentiell großen Kreis von Musikfans anzusprechen. 

 

 



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