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   Minua: Still Light: Release-Informationen

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VÖ: 01.02.2019
EAN/UPC: 705304467220
Traumton CD: 4672

Minua - Still Light

Wenn sich zwei Gitarristen und ein Holzbläser entschließen, ein Trio zu gründen, haben sie wahrscheinlich unkonventionelle Klangvorstellungen. Warum sonst sollte man eine solch originelle Band-Idee wagen? Als Luca Aaron, Kristinn Kristinsson und Fabian Willmann 2014 erstmals in einem Proberaum der Hochschule Basel miteinander spielten, empfanden sie gleich eine tiefe Verbundenheit. „Es war fast wie eine Erlösung, im Hochschulalltag Leute zu finden, die auch was anderes spielen wollten“, grinst Luca Aaron. Der starke, in viele Richtungen offene Gestaltungswillen  des Trios speist sich aus verschiedenen Einflüssen. Manche davon haben alle Beteiligten inspiriert, andere sind persönlicher. Um die wichtigsten zu nennen: Post-Rock, Minimalismus à la Steve Reich, nordische Melancholie und skandinavischer Folk sowie ungewöhnliche Klangfarben und -mischungen, erzeugt durch erweiterte Spieltechniken und gezielt eingesetzte Elektronik.

Die poetischen Stücke auf Still Light, Minuas zweitem Album und ihrem ersten bei Traumton, lassen besagte Einflüsse mal subtil, mal deutlicher anklingen. Man höre Waterlines, das mit schwellenden Gitarrenflächen, lyrischer Bassklarinette und romantisch-epischer Ausstrahlung an Sigur Ròs denken lässt, ohne deren monumentales Pathos zu zelebrieren. Oder das faszinierende Parallel Overpass, dessen fließende Patterns, komplexe Verzahnungen und rhythmische Verschiebungen klar auf Steve Reich verweisen. Eine ähnliche Richtung schlägt das folgende Jumps ein, während Murmuration das mal warme, mal helle Timbre der Klarinette und fast unheimliche, elektronisch-abstrakte Klänge kontrastiert.

Bei Still Light über einzelne Stücke zu sprechen ist gar nicht so leicht, zumindest wenn man das Album in einem durchhört. Zweimal gehen die Tracks nahtlos ineinander über, die restlichen knüpfen wenigstens aneinander an. Damit kommt die Produktion Minuas Konzerten nahe, bei denen zugunsten längerer dramaturgischer Bögen ebenfalls auf Klatschpausen verzichtet wird. Während live sehr viel aus dem Moment heraus geschieht, hat die Band für ihr Album durchweg kompositorisch und konzeptionell gedacht. Dabei stammen die Grundzüge der Stücke jeweils von einem der drei Musiker, entwickelt werden sie stets gemeinsam.

„Wir hatten das komplette Album zunächst schon zuhause eingespielt, um zu schauen, ob die Abläufe und der dramaturgische Bogen stimmen“, sagt Luca Aaron, „dann haben wir, wo es nötig schien, Overdubs oder kleine Interludes hinzugefügt. Es war ein längerer Prozess, in dem wir auch entschieden haben, welche Version des jeweiligen Stückes wir nehmen.“ Ältere Titel sind durch viele Konzerte hindurch immer wieder Metamorphosen unterworfen und werden heute auf verschiedene Arten von der Band interpretiert. Etwa das auf sensiblen Pickings der Akustikgitarre basierende Lumen, das schon in der Frühzeit des Trios entstand. Auf Platte kam nun jene Version, die mit den jüngeren Kompositionen am besten harmoniert.

In den drei Jahren zwischen Debütalbum und Still Light war die Band viel auf Tour und kam dabei bis auf große Rockbühnen in China, „wo wir aus dem kammermusikalischen Club-Kontext heraustreten, die Post-Rock-Facetten und unser ganzes Klangspektrum ausbreiten konnten.“ Mit der Zeit hat das Trio sein Konzept immer weiter verfeinert. „Grundsätzlich spielen wir weiterhin eine Song-orientierte Musik“, konstatiert Aaron, „unsere Palette an Klängen und Farben ist aber enorm gewachsen.“ Allein schon, weil Aaron immer differenziertere Varianten elektronischer Verfremdungen auslotet und spannende Sounds kreiert. Es überrascht nicht, dass er als Impulsgeber unter anderem Christian Fennesz, Tim Hecker, Arve Henriksen und Skúli Sverrisson nennt. Im Dezember 1994 nahe Freiburg geboren und auch dort aufgewachsen, hat Aaron zu Schulzeiten Grunge und Metal gespielt, ehe er über Mr. Bungle zum Jazz kam. Zuletzt beschäftigte er sich mit skandinavischem Folk, etwa finnischer Kantele-Musik.

Kristinn Kristinson, 1990 auf Island geboren, ist natürlich tief in den viel zitierten Traditionen seiner Heimat verwurzelt, als Sohn klassischer Musiker aber ebenso stark von europäischer Klassik und Moderne beeinflusst. Mit fünf Jahren begann er, Cello zu lernen, mit 12 griff er zur Gitarre. Und selbst wenn es ein wenig nach Klischee klingt: ja, Kristinsson ist für viele melancholische Momente Minuas verantwortlich. Eine klassische Grundlage hat auch Fabian Willmann. 1992 in Freiburg geboren, zwischenzeitlich in New York und heute in Basel ansässig, hat er Zusammenhänge zwischen Impressionismus und Jazz ergründet und an Projekten des Philharmonischen Orchesters Freiburg und des SWR Sinfonieorchesters Freiburg & Baden-Baden mitgewirkt. Darüber hinaus wohnt ihm die Freiheitsliebe des Jazz inne. Eigens für Minua vertiefte sich der studierte Saxophonist in die Details der Bassklarinette, weil deren Klangspektrum besser zu den beiden Gitarren passt.

Minuas Musik entwickelt nicht nur dank Kristinn Kristinsson eine isländische Ausstrahlung. Eine der ersten Tourneen führte das Trio auf die mythenumrankte Vulkaninsel. „Wir haben keineswegs nur in Reykjavik gespielt, sondern auch in Kirchen und Gemeindehäusern kleinerer Fischerorte“, erinnert sich Luca Aaron, „die Landschaft und Atmosphäre dort war sehr inspirierend für unsere Klangästhetik.“ Auf Still Light findet sich außerdem eine in Töne gegossene Erinnerung an die besagte China-Tour, nämlich in Heluxia. „Während eines freien Tages sind wir zu einem Kloster gewandert und danach in einem nahegelegenen Teehaus gelandet“, erzählt Aaron. „Allein die Tee-Zeremonie war schon ein eindrücklicher Moment. Als die Zeremonien-Meisterin mit unserem chinesischen Tourmanager sprach, hat uns Musiker der Klang ihrer Wörter und Stimme tief berührt, obwohl wir natürlich nichts verstanden haben.“

Auch wenn Luca Aaron und Kristinn Kristinsson inzwischen in Berlin wohnen, hebt sich der Sound von Minua bewusst von der Hauptstadtszene und ihren oft schnellen, rhythmischen, bisweilen harschen Tönen ab. Statt auf Stakkati und rasante Schnitte setzt die Band auf Texturen und lange Einstellungen. So lassen Minua gängige Stilgrenzen hinter sich, zugunsten einer entschlossen eigenständigen, internationalen Ästhetik.

PS: Der hintersinnige Albumtitel Still Light verweist auf die sparsame, sich ruhig und langsam steigernde Lichtregie, die Minua für ihre Konzerte erdacht haben, und auf den letzten Rest Tageslicht nach Sonnenuntergang.



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