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   Masaa: Irade: Release-Informationen

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VÖ: 14.02.2020
EAN/UPC: 705304468524
Traumton CD: 4685

Masaa - Irade

Fast drei Jahre sind seit Erscheinen der CD Outspoken vergangen, vieles ist seitdem passiert. Die Tournee zur Veröffentlichung führte das Quartett unter anderem nach Tunesien, Aserbaidschan und Izmir sowie von Spanien bis England quer durch Westeuropa. Begeisterte Reaktionen von Publikum und Medien legten nahe, dass Masaa erfolgreich weiter ihren Weg gehen werden. „Die Musik hat einen unglaublichen Flow, eine ausgeklügelte Dramaturgie, ist emotional sehr intensiv und besticht stets mit einem Trompeten- und Flügelhorn-Sound, der an Nähe und Wärme kaum zu überbieten ist“, konstatierte NDR Info. Und bei Süddeutsche.de war zu lesen: „[...] zeigt jeder Einzelne seine persönliche Note, gemeinsam werden diese zu einer Musik, die laute und leise, nachdenkliche und intensive Töne, Orient und Okzident auf außergewöhnliche Weise vereint.“ Doch dann ein unerwarteter Bruch: Pianist Clemens Pötzsch verließ 2018 die perfekt eingespielte Band. „Nach einiger Überlegung haben wir uns dafür entschieden, mit Gitarre statt Klavier weiter zu machen“, erklärt Trompeter Marcus Rust, „zumal wir Reentko Dirks von unseren Studientagen in Dresden kannten.“

Der Wechsel bringt natürlich Veränderungen in Klang und Ästhetik, die Masaa souverän für sich zu nutzen weiß. Weiterhin steht der eindringliche, zurückhaltend mit Arabesken verzierte Gesang Rabih Lahouds im Zentrum, prägen sein über mehrere Oktaven warmes Timbre und seine Ausdruckskraft bis in hohe Register alle Songs von Irade. Geblieben sind auch die feinsinnigen Arrangements, deren kraftvolle Dynamik zuweilen gängige kammermusikalische Rahmen sprengt. Dafür sorgt nicht nur der enorme Umfang von Lahouds gravitätischer Stimme, sondern auch das ausgesprochen variable, unverkennbar im zeitgenössischen Jazz angesiedelte Spiel von Rust und Drummer Demian Kappenstein. An ihrer Seite kreiert nun Reentko Dirks nuancierte, in dieser Form bei Masaa noch nicht gehörte Klänge, dank seiner speziellen akustischen Gitarre, aus deren Körper zwei Hälse wachsen.

Einer davon entspricht dem üblichen klassischen Modell, auf ihm spielt Dirks filigrane Pickings und kraftvolle bis relativ hart angeschlagene Akkorde. Sie wecken zuweilen Erinnerungen an arabo-andalusische Stilistik und können sogar Flamenco-Vehemenz erreichen, etwa in dem erst ruhigen, dann temporeichen Averoes. Der zweite Hals ist teils mit Bass-Saiten und teils doppelsaitig bespannt, zudem gibt es in der oberen Hälfte des Griffbretts keine Bünde, was das Spiel von Glissandi und Vierteltönen erleichtert. So kommt Dirks dem Klang eines Kontrabass und einer arabischen Laute nahe. „Reentko macht den Oud-Sound zu seinem eigenen und verwebt ihn meisterhaft mit anderen Klängen“, schwärmt Rabih Lahoud, „ich habe eine solche Vielfalt bei keinem anderen Musiker in dieser Intensität gehört. Er kreiert neue Themen für unsere musikalischen Dialoge.“

„Wir haben viele Kompositionen Reentkos ins Repertoire aufgenommen“, ergänzt Marcus Rust, „um ein neues Bandkapitel aufzuschlagen, das von ihm maßgeblich mitgestaltet wird.“ Zweifellos hat sich die Musik dadurch insgesamt mehr in Richtung Orient bewegt. Die Saitensprünge des mehrfach ausgezeichneten Musikers, seine Kontrapunkte und Unisoni mit Lahouds Gesang lassen keinen Zweifel, dass sich der 40 Jahre alte Niedersachse intensiv mit Traditionen des östlichen Mittelmeerraums beschäftigt hat. Zudem verfügt er über profunde Kenntnisse der europäischen Klassik und weiß sein ohnehin weites Klangpanorama gezielt mit extremen Stimmungen oder mechanischen Präparierungen zu abstrahieren, wie beispielsweise in Sara zu entdecken ist. Nur ganz selten und sehr zurückhaltend, wie etwa bei Farascha, benutzt Dirks einen E-bow für lange stehende Töne. 

Marcus Rusts Stücke sind inspiriert von namhaften Grenzgängern mit arabischen Wurzeln, namentlich Dhafer Youssef, Anouar Brahem und Rabih Abou-Khalil. „Ich musste beim Komponieren neu denken. Für Klavier zu schreiben war mir vertraut, weil ich es selbst spiele. Für Gitarre zu schreiben erforderte dagegen einen bewussteren Ansatz.“ Auf seinen Hauptinstrumenten Trompete und Flügelhorn kreiert Rust vielfältige, oft atmosphärische Töne, wechselt von verschatteten über fistelnde zu strahlenden Farben, von lyrischen Passagen über rhythmische Phrasierungen bis zu Unisoni oder Dialogen mit Lahouds wendigen Melismen.

Irade bedeutet Willenskraft und stand schon früh als Titel für das Album fest. „Die Willenskraft meines Herzens schläft, wenn ich nicht an sie glaube – zum Beispiel weil mir jemand gesagt hat, ich hätte keinen Willen, ich hätte keine Kraft, ich könnte nichts verändern“, erklärt Rabih Lahoud. „Sobald ich aber weiß, dass ich das alles doch in meinem Herzen habe, erwacht meine Willenskraft und ich erlebe mich und mein Leben neu. Ich kann Dinge verändern.“ Als Kind katholischer Maroniten 1982 im Libanon geboren und aufgewachsen, hinterfragte Lahoud schon früh die dort allgegenwärtige Forderung, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Bis heute lehnt er sich gegen schwarzweiße Regeln auf, mit denen er nicht nur im Nahen Osten, sondern auch während seines Studiums in Düsseldorf konfrontiert wurde. Glücklicherweise lernte er Mitte 2008 den Trompeter Markus Stockhausen kennen, der ihn dazu ermutigte, sich mit Musiktraditionen seiner alten Heimat zu beschäftigen. Von Deutschland aus entwickelte Lahoud einen neuen Blick auf die reiche arabische Kultur, parallel dazu entstand 2011 die Idee zu Masaa. Trompeter Marcus Rust hatte bereits eine Band mit seinen Dresdener Kommilitonen Clemens Pötzsch und Demian Kappenstein; dass sich die Wege des Trios und Lahouds kreuzten, war wiederum Stockhausen zu verdanken.

Seit Outspoken ist Lahoud, so sagt er, „unabhängiger von meiner Vergangenheit geworden, dazu hat die Arbeit mit dieser Band viel beigetragen. Ich lasse mich auf meine Mitmusiker total ein und erlebe den Fluss der Musik immer stärker.“ Die Natur der Musik von Masaa lebe von dem Moment, führt Lahoud weiter aus, Überlegungen zu Vergangenheit und Tradition, Zukunft und Innovation würden zunehmend in den Hintergrund treten. In seinen emotionalen und poetischen Texten, die wie gewohnt in vier Sprachen im Booklet abgedruckt sind, spart er schlimme Dinge der Gegenwart nicht aus, spricht Zäune, Krieg und Zerstörung bisweilen konkret an, bewahrt aber doch stets das Schöne im Blick und macht Hoffnung, statt zu klagen. „Die Realität so zu sehen, wie sie ist, ist eine wichtige Eigenschaft für mich. Das aktuelle Gefühl, also auch das Melancholische zuzulassen ist wichtig, um Mut zu schöpfen. Das ist für mich die Grundstimmung und die Haltung der Songs.“

Alle Titel auf Irade wurden eigens für die aktuelle Konstellation geschrieben, wie früher schon gestaltete die Band gemeinsam die Arrangements. Der neue, detailgenau gewobene Masaa-Sound klingt noch lebendiger und dynamischer. Er changiert zwischen Intimität und individueller Melodik, schillernden Wendungen und überraschenden Kontrasten, wechselnden Tempi und Grooves. Mehr denn je kreiert das Quartett eine konsequent eigenständige, unvergleichliche Klangsprache, die in vieler Hinsicht künstlerisch vereint, was von anderen gern durch imaginäre Schranken oder echte Grenzen getrennt wird.



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