Erika Stucky


Traumton Records CD 4454

BUBBLES & BONES


"Schnallen Sie sich an, denken Sie nicht, lassen Sie sich auf eine verrückte Reise mitnehmen." Was sich anhört wie die Ansage einer durchtriebenen Stewardess, ist eine liebevolle Warnung an jene Ästheten, denen bei kleinsten Irritationen und Kurswechseln schwindelig wird und - einmal aus ihrem puristischen Gleichgewicht gebracht - brechen müssen. Teile dieser Reise sind vorgezeichnet - durch die Biographie der Erika Stucky. Inzwischen in Brooklyn/New York gelandet, hat die singende Performance-Künstlerin Ortswechsel von dramatischer, ja, beinah planetarischer Dimension hinter sich. Eine Luftveränderung, die selbst dem glühendsten Verfechter der Global-Village-Einheit einen deftigen Kulturschock versetzen dürfte. Kann man "Normales" erwarten von jemand, der in den 60ern in San Francisco aufwächst, geküßt von der weltumarmenden Liebe der Hippies und gezwickt von den Amerika-spöttelnden Hieben eines Frank Zappa, und dann ins hinterwäld(oder -welt?)-lerische Oberwallis, nach Mörel zieht, einem Bergdorf, in dem Trachtenvereine, Jodelchöre und Aprikosen gedeihen und ein Dialekt, der für hochdeutsche Ohren das Schwytzerdytsch wie die Sprache eines Hannoveraner Germanisten klingen läßt...??? Wer da nicht ein bißchen verrückt wird, zieht den Verdacht auf sich, unsensibel zu sein.

Doch die Stucky wird nicht zur Heidi. Läßt nicht zu, daß Alm und Alpen zum Albtraum werden. Das Jodeln reicht ihr nicht und so zieht sie in den 80ern nach Paris und läßt sich zur Jazzsängerin ausbilden. Doch auch das Scatten reicht ihr nicht und so läßt sie sich zur Schauspielerin ausbilden. Und der Wunsch wird größer, ihre bi-, tri-, nein, multikulturellen Erfahrungen zu teilen: Mit einem anderen Schweiz-Amerikaner und dem französisch-schweizerischen Bassisten der Sophisticrats (ihrem heutigen Mann) entwirft sie einen imaginären Ort, der die Gemeinsamkeiten dieser heimatlosen Seelen vereint - Bubble-Town (1991). So wird aus Frau Stucky Mrs. Bubble. 1997 findet sie in den Posaunisten Ray Anderson und Art Baron und dem Tubisten Jose Davila weitere Gesinnungs-(diesmal nicht Eid-)genossen und gründet Mrs. Bubble & Bones.

Die instrumentale Norm(alität) hat sie noch nie interessiert. Die Sophisticrats bestanden aus vier Sängerinnen und einem Bassisten; und auch ihr International Alphorn Orchestra entspricht kaum den Vorstellungen schöngeistiger (Klang-) Körperkultur. Und nun eine helle Frauenstimme zwischen Posaune und Tuba ("what the hell was that now?!??"). Der aufgeklärte Hörer des beginnenden 21. Jahrhunderts hat schon vieles gehört - aber das???

Leicht hat es sich die Stucky noch nie gemacht. Doch sie macht es dem Publikum leicht, sich für sie zu begeistern. Nur eine einzige Vorbedingung stellt Bubble: Der geneigte Konsument möge sich hin und wieder vom durchgesessenen Ohrensessel bequem gewordener Hörgewohnheiten erheben. Und danach eine andere Stellung einnehmen. So empfiehlt sie dem steifen Mitt- und Westeuropäer das US-Lebensmotto ("Hey, guys, have fun!") und dem unterhaltungssüchtigen Amerikaner das künstlerische Euro-Credo ("Wie wär's mal mit zuhören?"). Serious fun. Die Mischung macht's. Stucky weiß, wie es geht. Und bietet dabei weder la-lu-la noch l'art-pour-l'art.

Stattdessen: Entertainment, Avantgarde-Jazz und Popmusik, durchsetzt mit theatralischen Ausdrucksformen und Super-8 Projektionen, dargeboten in einem Kauderwelsch aus heißkartoffeligem Amerikanisch, deftigem Walliserisch und dadaistischen Luftblasen. Stucky kreiert dabei eine umwerfende Personalunion aus Laurie, Sissi und Pippi, aus Anderson, Perlinger und Langstrumpf. Mit "zu Mickeymaus-Ohren aufgezwirbelten Zöpfen", gelbberockt und blumenstrümpfig.

Zwar sollte man Mrs. Bubble & Bones unbedingt auch s e h e n, denn dieses fröhlich-subversive Gesamtkunstwerk ist nicht nur etwas für Ohrenmenschen. Doch auch die Audio-Version lädt ein zum Abenteuer-Reisen. Die Reiseleitung obliegt dabei nicht nur Stucky. Da neigen die Bläser gelegentlich zu einer vokalen Geschwätzigkeit, wie sie einst Rex Stewart's und Dickie Wells' Talkative Horns pflegten (RAOULT LOUNGE, SQUEEZE ME, BUT HONEY, I'M PERFECTLY SOBER, LET ME DRIVE), im nächsten Moment lautmalen sie die nimmersatte Gefräßigkeit von Hunden (I HATE DOGS) - Hunde lieben bekanntlich bones! - oder die salbungsvolle Selbstgefälligkeit von Produzenten (STARQUALITY). Inmitten dieser so irdisch-lustvoll agierenden Instrumente, gespielt von wahren Frohnaturen, auf einmal melancholisch-verhangene Töne (THERE WAS A GIRL IN 69, TEMPTATION), hervorgezaubert vom argentinischen Bandoneonisten Dino Saluzzi, allein schon äußerlich ein Kontrapunkt zu den extrovertierten Posaunisten. Und dann wäre da noch der Pianist George Gruntz, dem bereits in eigenen Projekten (u.a. mit Stucky und Saluzzi) der Brückenschlag von Berggipfeln zu Hochhäusern gelang, und der als polyglotter Schweizer ein idealer Begleiter ist für Stuckys 8-minütigen Sprung über den großen Teich (ZÄUERLI/YOU ARE MY SUNSHINE). Als ob es bis dahin nicht aufregend genug wäre, kommt dann noch etwas (LIKESOMEONE IN LOVE), mit dem selbst die kühnsten Vorhersager kaum rechnen dürften: Mrs. Bubbles & Strings!!!

"Wer mit mir arbeitet, muß halt auf Überraschungen gefaßt sein." Der Hörer auch. Also schnallen Sie sich bitte an.

Karsten Mützelfeldt

© Traumton Records


Presse

  • "Die amerikanisch-schweizerische Vokalistin Erika Stucky gilt als eine der originellsten neuen Stimmen in der internationalen Jazzszene. Ihre schweizerischen Wurzeln einerseits und grossstädtische Spontaneität anderseits spannen einen verwirrenden und doch ungemein packenden Bogen zwischen heimeligem Aelplertum und urbanem Alptraum. "
    Frankfurter Allgemeine

  • "The biggest surprise on opening night of the Berlin Jazzfest was the debut of vocalist Erika Stucky, whose territory encompasses that of Sheila Jordan, Bobby McFerrin and Bruce Hampton. "
    America's Jazz Magazine - Jazztimes, USA

  • "Erika Stucky singt sich durch die Weltgeschichte" Jazzthetik 10/2001 ... lesen

  • Fabulös ****
    Nur in der Heimat geniesst sie nicht den Weltruf, der ihr gebührt: Erika Stucky, aufgewachsen in Mörel VS und San Francisco. Vom Wallis hat sie das Bodenständige, aus den USA die Schamlosigkeit: Stucky entertaint leidenschaftlich, locker, liebevoll, mischt Alpsegen und Alpträume, reflektiert zuletzt witzig ihre Doppelrolle als Hausfrau und Jazz-Star. Komik ohne Klamauk, Kunst ohne Dünkel, Jazz-Songs, an denen kein Gramm Fett klebt. Grandios die Musiker Ray Anderson, Art Baron, José Davila, Dino Saluzzi, George Gruntz - und Knut Jensen vom famosen Basler Duo Knut & Silvy. (bf)
    www.facts.ch, November 2001

  • "... Erika Stucky ist ein Original. In spaßigem Musikantentum quirlt sie Ellington mit Police, Aerosmith mit den Beatles oder Randy Newman. Es wird gescattet und gejodelt, durchtrieben geschmachtet und treibend geswingt. Mal ist man groovy, mal wehmütig, mal nostalgisch. Pop, Folk und Jazz fließen zusammen zum lustvoll lustigen Avantgarde-Entertainment-Mix. Der zündet, weil bei soviel Spaß kein Platz für Zynismus bleibt. Und für Banales schon gar nicht."
    Mitteldeutsche Zeitung, 3.11.2001

  • "Die Stucky hat ihr "Ding" gefunden - zwischen den Kulturen, in beiden zu Hause, virtuos mit beiden jonglierend. Damit ist sie derzeit eine der schrillsten Performerinnen der europäischen Szene."
    Coolibri, November 2001

  • "Die amerikanisch-schweizerische Vokalistin begibt sich, umgeben von Blechbläsern (den "Bones"), auf lustvolle Streifzüge durch ein abenteuerlich vielseitiges Repertoire. Jazz, Entertainment, Cabaret Avantgarde? Bubbles & Bones."
    Jazzzeitung 11/2001, Critics Choice - Bert Noglik, MDR

  • MUSIC-CHECK  * * * * *
    HIFI-CHECK      * * * * *
    "Originell und schräg"
    Stereo 12/2001

  • "... vokale Aktionskunst zwischen Laurie Anderson, Meredith Monk und Tom Waits."
    Stereoplay 12/2001

  • "... Bubbles & Bones gehört jedenfalls zum Witzigsten, was derzeit Lautsprecher zum Schwingen bringt."
    Klassik Heute 12/2001

  • INTERPRETATION  * * * * *
    KLANG     * * * * *
    Stern des Monats
    Fono Forum 12/2001

  • "Erika Stucky? Nie gehört? Viel verpasst ... Ein starkes Album von einer außergewöhnlichen Künstlerin."
    Westzeit 12/2001, Klaus Hübner

  • INTERPRETATION  * * * *
    "Changierend zwischen Alpen-Girlie und Jazz-Lady ... Eher herzzerreißend als seriös avantgardistisch: serious fun."
    Rolling Stone 1/2002
Pressefotos
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