{"id":7616,"date":"2021-09-24T11:45:12","date_gmt":"2021-09-24T09:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/?p=7616"},"modified":"2022-03-18T19:30:05","modified_gmt":"2022-03-18T18:30:05","slug":"2-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/2-12\/","title":{"rendered":"Erkin Cavus &#038; Reentko Dirks &#8211; Istanbul 1900"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-medium-font-size\"><strong>Erkin Cavus &amp; Reentko Dirks &#8211; Istanbul 1900<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-normal-font-size\">September 24, 2021<br>EAN\/UPC: 705304469729 <br>Traumton CD: 4697 <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><em>\u201eErkin Cavus und Reentko Dirks bringen in ihrer Musik die Welten von Ost und West zusammen.\u201c (Milliyet, T\u00fcrkei)&nbsp;<\/em><br><br>Vielen erscheint Istanbul als ein von Mythen und Traditionen umrankter Sehnsuchtsort, andere betrachten es als Symbol f\u00fcr wirtschaftlichen Fortschritt. Seit den Gezi Park-Protesten 2013 sieht Westeuropa in der pittoresken Metropole am Bosporus mehr als die Hagia Sofia und andere Kulturdenkm\u00e4ler. Registriert werden auch gesellschaftliche Entwicklungen. Der Gitarrist Erkin Cavus verbrachte viele Jahre seines Lebens in der riesigen, hochverdichteten und oft hektischen Stadt. Hier hat er Karriere gemacht, an der Seite ber\u00fchmter K\u00fcnstler gespielt, ehe er vor rund vier Jahren nach Deutschland zog.&nbsp;<br><br>Nun setzt Cavus, zusammen mit Reentko Dirks, dem historischen Istanbul ein klingendes Denkmal. Inspiriert von Bildern des ber\u00fchmten Fotografen Ara G\u00fcler (1928-2018), der als einf\u00fchlsamer und detailverliebter Beobachter zum Chronisten des Lebens seiner Heimatstadt wurde. Seine Aufnahmen des mittlerweile verblassten, teils unwiederbringlich zerst\u00f6rten Istanbul und der ehedem h\u00f6chst unterschiedlichen Stadtteile h\u00e4ngen l\u00e4ngst in Museen. \u201eWas ihm bildlich gelungen ist, m\u00f6chten wir musikalisch umsetzen: eine Welt einzufangen und zu bewahren, die es nicht mehr gibt, deren Echos aber noch sp\u00fcrbar sind\u201c, erkl\u00e4rt Reentko Dirks. Heraus gekommen sind suggestive Momentaufnahmen, feingliedrig und nuanciert gespielt. Das Duo konzentriert sich bewusst auf meist ruhige T\u00f6ne, die das damals noch vergleichsweise langsame Leben assoziieren. Die leise Klangsprache versteht sich auch als Statement zur Gegenwart. Sie setzt sich ab vom heute allgegenw\u00e4rtigen Get\u00f6se, ob im Verkehr oder in der allt\u00e4glichen Sprache. So schwingt in der Musik auch eine politische Haltung, die im Booklet ihre Fortsetzung findet:&nbsp;<em>Istanbul 1900<\/em>&nbsp;ist 150.000 traditionellen H\u00e4ndlern, K\u00fcnstlern und Arbeitern gewidmet, die 2020 ihre Arbeit verloren haben. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br><br>Cover und Booklet des Albums zeigen Fotos von Ara G\u00fcler, dar\u00fcber hinaus geben kurze Anmerkungen zu den einzelnen St\u00fccken Fingerzeige auf die darin anklingenden Orte und Szenen. Wer schon einmal am Galata Hafen den geduldigen Anglern zugeschaut hat, mag vielleicht noch unmittelbarer in die stimmungsvolle Musik eintauchen als jene, deren Phantasie und Reiselust von Cavus und Dirks angeregt wird. Auffallend ist, dass die beiden sensiblen und hochversierten Gitarristen typische Stilmittel des Orients allenfalls anklingen lassen, aber nicht ins Zentrum stellen. Noch weniger trumpfen sie mit rasanter Technik auf. Zwar basieren viele Titel auf ungeraden Takten, etwa&nbsp;<em>Galata Liman<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Sokak Arasi<\/em>(jeweils 9\/8) oder&nbsp;<em>Pera&nbsp;<\/em>(17\/8), doch machen sich die komplexen Metren im sanften Fluss der Musik kaum bemerkbar, zumindest nicht aufs erste H\u00f6ren. Gleiches gilt f\u00fcr Viertelt\u00f6ne. Erkin Cavus ist bekannt f\u00fcr seine Virtuosit\u00e4t auf einem bundlosen Gitarrenhals, der ihm das Spiel von Mikrot\u00f6nen erlaubt, \u00e4hnlich wie auf der Laute Oud. Nat\u00fcrlich gibt es solche Viertelt\u00f6ne auf&nbsp;<em>Istanbul 1900<\/em>, sie alleine wirken aber noch nicht stilbildend. Der Gestaltungswillen des Duos reicht weiter und reflektiert die unterschiedlichen pers\u00f6nlichen Hintergr\u00fcnde der beiden Musiker.<br><br>&nbsp;\u201eDamals wurden die Kinder in der f\u00fcnften Klasse gefragt, welches Instrument sie lernen wollen\u201c, erkl\u00e4rt Erkin Cavus, wie er zum Gitarrenunterricht kam. Geboren 1977 in Bulgarien, verfrachtete ihn der Umzug seiner t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Eltern 1989 nach Istanbul. \u201eMusikalisch war ich von Anfang an eher westlich orientiert. Als Kind lernte ich drei, vier Jahre Klavier, doch schon da sch\u00e4tzte ich den Klang der Gitarre\u201c, so Cavus. Seine auf westliche Klassik fokussierte Ausbildung bereicherte er durch Aktivit\u00e4ten in verschiedenen Bands. 1996 begann Cavus, seine Technik auf dem bundlosen Hals zu entwickeln und lie\u00df sich eine erste Spezialgitarre bauen. Inspiriert von Erkan Ogur, der laut Cavus als Pionier diese neue Spieltechnik etablierte. \u201eUnter Gitarristen, die sich mit Viertel- und Mikrot\u00f6nen besch\u00e4ftigten, war das ein enormes Thema\u201c, erinnert sich Cavus. Anfang der Zweitausender reifte in ihm der Plan, ein Meisterklassenstudium in Deutschland zu absolvieren. Er begann in Weimar und wechselte dann nach Dresden, weil die dortige Hochschule einen multi-stilistischen Studiengang f\u00fcr Gitarre anbot. Genau dieser hatte auch Reentko Dirks angelockt. Ab 2003 bildeten die beiden das Duo Kalkan, im gleichen Jahr lud Cavus Erkan Ogur f\u00fcr Konzerte nach Dresden ein. Sp\u00e4ter feierte Kalkan erste Erfolge: das Duo gewann den Sonderpreis beim internationalen Gitarrenwettbewerb in Osnabr\u00fcck, ver\u00f6ffentlichte das Album&nbsp;<em>Planet Kalkan<\/em>, schrieb einen Spielfilm-Score. 2005 musste Cavus zur\u00fcck nach Istanbul. In den folgenden Jahren spielte er immer wieder mit Ogur, aber auch in der Band des t\u00fcrkischen Popstars Ferhat G\u00f6cer.&nbsp;<br><br>Unterdessen machte Reentko Dirks (*1979) in Deutschland Karriere. Er entwickelte individuelle Spieltechniken auf der Gitarre, setzte sich intensiv mit Flamenco und arabischer Musik auseinander, wohnte ein halbes Jahr in Jerusalem. F\u00fcr sein Album&nbsp;<em>Sounds For The Silver Screen<\/em>&nbsp; arbeitete er teilweise mit dem Komponisten Richard Horowitz, das folgende&nbsp;<em>Le Cirque<\/em>&nbsp;wurde 2013 f\u00fcr den Deutschen Schallplattenpreis nominiert. Zwischenzeitlich spielte Dirks mit internationalen Gro\u00dfmeistern (Yo-Yo Ma, Giora Feidman) und deutschen Pop-Stars (Ben Becker, Bosse, Max Mutzke). Die von Dirks co-arrangierte und eingespielte CD&nbsp;<em>Carmen<\/em>&nbsp;mit Ksenija Sidorova erhielt 2017 den Klassik-<em>Echo<\/em>. Seit 2019 ist er festes Mitglied des Quartetts Masaa, dessen poetische Songs zwischen arabischer Melodik und Jazz changieren und weithin hoch gelobt werden.&nbsp;<br><br>2017 zog Erkin Cavus unter dem Eindruck der Entwicklungen in der T\u00fcrkei mit seiner Frau und zwei Kindern nach Dresden, diesmal um zu bleiben. \u201eWir haben uns getroffen und konnten trotz l\u00e4ngerer Pause direkt wieder an fr\u00fchere Zeiten ankn\u00fcpfen\u201c, erz\u00e4hlt Cavus h\u00f6rbar begeistert. \u201eNat\u00fcrlich hatten wir uns zwischendurch immer mal gegenseitig besucht und auch vereinzelte Konzerte ohne Proben gegeben\u201c, beschreibt Dirks das andauernde intuitive Einverst\u00e4ndnis, das er \u201eblindes Vertrauen\u201c nennt. Es resultiere auch aus der freundschaftlichen, fast schon famili\u00e4ren N\u00e4he abseits der Musik und der klaren Rollenverteilung untereinander: Cavus \u00fcbernimmt meist die Melodief\u00fchrung, Dirks die rhythmischen bis perkussiven Parts.&nbsp;&nbsp;<br><br>Bei der Entwicklung des Repertoires f\u00fcr&nbsp;<em>Istanbul 1900&nbsp;<\/em>hat sich das Duo bewusst Zeit genommen. Der st\u00e4rkste kompositorische \u201eFlow\u201c entwickelte sich in den Wochen vor dem Studiotermin. Die individuelle Form der St\u00fccke, die absichtsvoll konkrete Jazz- wie traditionellen Bez\u00fcge vermeidet, \u201ehat sich ungeplant entwickelt\u201c, so Dirks und Cavus sekundiert: \u201eEine direkte Anlehnung an Maqam-\u00c4sthetik h\u00e4tte vorausgesetzt, das wir beide viertelt\u00f6nig spielen. Mit der Integration von harmonischen Aspekten geht es dagegen direkt und unweigerlich nach Westen.\u201c&nbsp;<br><br>Letztlich hat auch der Aufnahmeort seine Spuren hinterlassen. \u201eDas Waldhaus-Studio liegt tats\u00e4chlich mitten in der Natur und ist eine wundervolle Insel. Wir konnten uns dort, abseits von Autoverkehr und Internet, schnell in die alte Zeit vertiefen und uns v\u00f6llig fokussieren. Wahrscheinlich hat diese Stimmung das Album noch etwas impressionistischer werden lassen\u201c, konstatiert Reentko Dirks. Das mag auch die bemerkenswerte Klarheit der Einspielungen erkl\u00e4ren, die nachtr\u00e4gliche Edits \u00fcberfl\u00fcssig machte. Daf\u00fcr gen\u00fcgten zwei Aufnahmetage und ein bis drei Takes pro St\u00fcck.&nbsp;<br><br><em>Istanbul 1900&nbsp;<\/em>ist eine atmosph\u00e4rische Hommage, die mitunter nachdenklich klingt, dann wieder zarte Leichtigkeit suggeriert. Angesichts des Themas Verg\u00e4nglichkeit und des Umstands, dass Erkin Cavus seiner Heimatstadt nicht ganz freiwillig Adieu sagen musste, ist ein Hauch Melancholie sicher keine \u00fcberraschung. Gleichwohl vermeiden die beiden Musiker jedes dramatische Pathos. Ihre T\u00f6ne zeichnen, ganz im Geist der Schwarzwei\u00df-Fotos Ara G\u00fclers, feine Schattierungen. Selbst wenn sie in&nbsp;<em>Moda<\/em>&nbsp;schwungvoll das Nachtleben der gro\u00dfst\u00e4dtischen Boh\u00e8me oder in&nbsp;<em>Pera<\/em>&nbsp;die Dynamik in Stra\u00dfencaf\u00e9s und -kneipen nach Feierabend imaginieren. Insgesamt entwickelt<em>&nbsp;Istanbul 1900<\/em>&nbsp;einen sehr eigenen, subtilen Zauber, den man so nur selten erlebt. Ganz wie die Stadt, die an der Schnittstelle von Orient und Okzident Welten verbindet.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eErkin Cavus und Reentko Dirks bringen in ihrer Musik die Welten von Ost und West zusammen.\u201c (Milliyet, T\u00fcrkei) <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7614,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,41],"tags":[],"class_list":["post-7616","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fresh-news","category-out-now"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7616","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7616"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7616\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8167,"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7616\/revisions\/8167"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7614"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7616"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7616"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.traumton.de\/records\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7616"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}