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   Thärichens Tentett: Farewell Songs: Release-Informationen

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VÖ: 25.09.2009
EAN/UPC: 705304452820
Traumton CD: 4528
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THÄRICHENS TENTETT
„Farewell Songs“

Kurzer Blick zurück, Deutschland im Jahr 2001: Immer mehr Jazzmusiker ziehen in die Hauptstadt, es heißt, es entstehe dort ein neuer Sound, unbeschwert, verspielt, exzentrisch. Skeptiker nörgeln am Berlin-Hype, doch mit etwas zeitlichem Abstand lässt sich die Tragweite der Entwicklung nicht mehr leugnen: Es schält sich zu jener Zeit eine Spielart des Jazz heraus, die das Originelle zum größten Gut erklärt, ohne dabei gegen Traditionen zu rebellieren; die Pop mag und auch Kammermusik, Big Band Swing genauso wie Frank Zappa; und die sich nicht damit zufrieden gibt, die Mauern der Kategorien einzureißen, sondern aus der neu entstandenen Freiheit einen eigenen Stil formt. Folglich sind es nicht einzelne virtuose Solisten, die den Ton angeben, sondern improvisierende Komponisten. Allen voran der Pianist Nicolai Thärichen, der 2001 „Lady Moon“ veröffentlicht, die erste CD seines Tentetts. Ein irrer Wurf: Er nimmt sich Gedichte vor, ganz unjazzgemäße, von Lord Byron, Thomas Hardy und Ronald D. Laing. Versammelt einige der besten Jazzer Berlins zu einem Klangkörper, den er biegt und knetet, bis aus den Gedichten tanzende Skulpturen werden, die sich aufbäumen können zu einer donnernden Big Band, um sich im nächsten Moment filigran zu verschlanken, als hätte man es mit kammermusikalischen Giacomettis zu tun. Und er toppt das ganze mit der Stimme Michael Schiefels, der androgyn, sinnlich, überdreht, virtuos, kurz: völlig durchgeknallt ist, jedenfalls wenn er auf der Bühne steht und sich in eine „Scat-Rampensau“ (Josef Engels in „Rondo“) verwandelt. Thärichen, damals 31, ist geglückt, was Künstler meist nur einmal im Leben schaffen: Er hat eine tragende Idee gefunden, einen Masterplan für eine ganze Künstler-Laufbahn. Diesen gestaltet er in den folgenden Jahren mit den Alben „The Thin Edge“ (2003) und „Grateful“ (2005) konsequent aus. Sein Tentett bleibt ihm so gut wie ohne personelle Veränderungen erhalten. Auch seine Lieblingsdichter bleiben ihm treu, v.a. Ronald D. Laing, Mitbegründer der Anti-Psychiatriebewegung und gnadenloser Sarkast; andere, wie Dorothy Parker, kommen hinzu. Und das Publikum? Wird von Jahr zu Jahr, von CD zu CD, enthusiastischer. Die SZ preist Thärichens Tentett als „das kompositorisch Gelungenste, arrangementtechnisch Ausgefeilteste und in der Präsentation Humorvollste, was derzeit in Deutschland von einer größeren Besetzung kommt“. Und über Michael Schiefel urteilt die FAZ: „Einen solchen Jazzsänger hat Deutschland vielleicht noch nie gehabt“.
Nun also, acht Jahre nach dem Debüt, Album Nummer vier. Und was liest man im Titel? „Farewell Songs“! Thärichen nimmt Abschied? Das klingt so melancholisch, man fragt sich, wie das zum Temperament dieser Band passen soll. Der mittlerweile 39-Jährige wird doch hoffentlich nicht einer Midlife-Crisis anheim gefallen sein?

Kein Grund zur Sorge: Nicolai Thärichen und seinem Tentett geht es bestens. Musiker wie Stücke sprühen vor Ideen. Das AC/DC-Cover „Up to my neck in you“ macht den Anfang, virtuos arrangiert, volle Kraft voraus. Und doch: Um Abschied geht es in beinahe jedem Stück. „Farewell Songs“ ist Thärichens persönlichste Platte bisher. Tiefe Einschnitte der letzten Zeit fließen in die Musik ein. Die dreiteilige „Farewell Suite“ widmet er seinem kürzlich verstorbenen Vater, dem Komponisten, Autor und langjährigen Solo-Pauker der Berliner Philharmoniker, Werner Thärichen (1921-2008). Doch wie nur vertont man den Abschied vom Vater? Nicolai Thärichens musikalische Trauerarbeit umfasst ein ganzes Gefühlsspektrum: Die Suite schreitet von Trauer und Schmerz („Waltz for my Father“) zum fragenden Innehalten („Strange Bells“) und findet beim Song „If“ ein versöhnliches Ende in den lapidaren Zeilen Robert Creeleys: „...you’ve had the world, such as you got. / There’s nothing more, there never was.“ Thärichen erreicht mit dieser Suite eine neue Dimension kompositorischer Reife. Bei seinem Tentett erklingt ein Gefühl wie Trauer nicht als Zustand, sondern als Prozess: Während zwei der großen Lyriker unter seinen Solisten – der Trompeter Sven Klammer und der Flötist Andreas Spannagel – in ihren Soli klangfarbliche Introspektion betreiben, beginnt die Band zu brodeln, bis Trauer in Wut und Aggression umschlägt. Verlust heißt hier auch, dem inneren Kontrollverlust zu begegnen.

Abschied à la Thärichen hat allerdings nicht zwangsläufig mit Trauer zu tun. In Dorothy Parkers Gedicht „On being a woman“ wird selbstironisch über die allzumenschliche Entscheidungsschwäche hergezogen: Bin ich in Rom, will ich nach Hause, bis ich zuhause, will ich nach Rom. Eine solche Steilvorlage lässt sich Michael Schiefel nicht nehmen: Er legt los mit einer Scat-Improvisation, aber nicht getreu den Konventionen des Jazz, sondern in der Stimme eines überkandidelten Opernhelden. Sein Vibrato trieft vor Camp-Pathos, zwischendrin wähnt man sich in der Bohemian Rhapsody, und als ob das alles nicht schräg genug wäre, beginnen die Bandmitglieder auch noch, den Rhythmus als Human Beat-Box zu sprechen. Nicht wie es Hip-Hopper tun, bumm-tscha-bumm, sondern mit extrem merkwürdigen Lauten. Hört man richtig? Singen die da wirklich „Bumm da-ga-disch uh-uh-dicke Backe“? Exaltiert und skurril: Die Abschiede des Thärichen Tentetts machen richtig Spaß. Erst recht, wenn die Galligkeit Ronald D. Laings zum Zuge kommt („Unadored“). Wenn der Partner einen behandelt wie Dreck, warum ihn nicht verlassen mit Worten wie diesen: „It’s none to soon / for a new spittoon / and something else to shit in“? Dazu der funkige Groove im 7/4-Takt: Tür zuschlagen im Tanzschritt. Auch das kann man lernen von Thärichens Tentett.
Ganz anders dagegen die ruhig dahin gleitende Ballade „This Time“: Hier geht es dann doch noch um die Liebe. Ausnahmsweise sogar um eine glückliche, und dabei unerwartete. Manches Gefühl, auch das ist Thema dieser sehr persönlichen Platte, versteht man eben erst mit der Zeit.

Die „Farewell Songs“ von Thärichens Tentett klingen so abgeklärt wie tiefgründig, sind todernst und total abgedreht. Sie handeln vom Verlieren und vom Finden, und davon, dass man das eine selten ohne das andere bekommt.


Backkatalog:
2006 DVD „Live at A-Trane Berlin“ (Minor Music 8011227)
2005 CD „Grateful“ (Minor Music 801122)
2003 CD „The thin edge“ (Minor Music 801105)
2001 CD „Lady Moon“ (Minor Music 801094)



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