Alle News
Alle Künstler
Alle CDs
Alle Tourdaten



traumton.radio
   David Helbocks Random/Control: Random/Control: Release-Informationen

[Tracks]   [Infos]    [Pressematerial]   [CD bestellen]



VÖ: 15.10.2010
EAN/UPC: 705304454725
Traumton CD: 4547

Random/Control

Es gilt als selbstverständlich, dass Musiker in Metropolen wohnen, insbesondere die couragierten und progressiven. Der Pianist und Komponist David Helbock ist dagegen im Rheintal südlich des Bodensees zuhause, obwohl er musikalisch nichts mit ländlicher Alpenidylle im Sinn hat. Im Gespräch wirkt Helbock ruhig und überlegt, was auf eine gewisse Distanz zur großstädtischen Attitüde schließen lässt. In seiner facettenreichen Musik wird indes eine Dringlichkeit spürbar, sich nicht mit Naheliegendem oder Gängigem zu begnügen – und trotzdem Humor zu bewahren.

Vom Vorarlberg bis ins Berliner Traumton-Studio ist es eine gut neunstündige Reise. Dennoch verlieren die Drei von Random/Control, kaum angekommen, keine Zeit. Umgehend haben sie ihr Equipment aufgebaut und wollen loslegen. Der beinahe unbändige Drang zu spielen eint David Helbock, Johannes Bär und Andreas Broger ebenso wie eine oft intuitive Verständigung. Letztere ist keine Zauberei, sondern über längere Zeit gereift. Pianist Helbock und Blechbläser Bär drückten schon als Teenager die gleiche Schulbank, später trafen sie sich in Peter Madsens „Collective of Improvising Artists“ wieder, zu dem auch Holzbläser Broger gehört. Er wiederum spielte bereits zuvor mit Bär in anderen Konstellationen.

Random/Control vereint juvenile Energie und entschlossenen Gestaltungswillen, Spielwitz und stilistisch weitem Horizont. Markenzeichen des Trios ist unter anderem der rasante Wechsel zwischen unterschiedlichen Instrumenten, der auf der Bühne wie im Studio fast sportliche Züge annehmen kann. „Jeder der beiden spielt mindestens fünf, sechs Instrumente oder auch mehr“, freut sich Bandleader Helbock, „so sind extrem viele Klangkombinationen möglich, was unglaublich Spaß macht.“ Mitunter wundert sich Helbock immer noch über die Virtuosität seiner Partner. „In welcher Geschwindigkeit Johannes Bär von der Tuba zur Piccolo-Trompete wechselt und dabei auch noch sinnvolle Töne spielt ist ziemlich einmalig.“

So zeigt Random/Control schon formal unkonventionelles Profil. Analog zum absichtsvoll gewählten Bandnamen geht es Helbock, Bär und Broger um die Spannung zwischen ausgeklügeltem Konzept und impulsiver Spielfreude. Eine Spannung, die das Trio sogar im Studio zu erzeugen vermag, nicht zuletzt durch konsequente Live-Einspielungen. „Wir haben mehrere Versionen der Stücke aufgenommen und hinterher die jeweils beste ausgesucht“, beschreibt Helbock das Arbeitsprinzip, das weitgehend ohne Overdubs auskommt und auf Editing vollständig verzichtet. „Es gibt einfach zu viele freie Passagen in den Stücken, die könnte man gar nicht ausschneiden und woanders einfügen, denn sie würden nicht passen.“

Der Freiheitsdrang des Jazz und seine Flirts mit europäischer Klassik haben Geschichte. David Helbocks Inspirationsquellen sind noch weiter über die Welt verteilt, reichen vom brasilianischen Zeremonienmeister Hermeto Pascoal bis zur Beschäftigung mit Buddhismus und fernöstlichen Philosophien. Viele Anregungen zur Beschäftigung mit diesen Einflüssen verdankt Helbock seinem Lehrer, Mentor und Freund, dem amerikanischen Pianisten Peter Madsen, dessen Bandprojekt CIA (Collective of Improvising Artists) auch alle Musiker von Random/Control angehören. Auch Helbocks Ästhetik strebt nach Offenheit, spielt mit Kontrasten, überraschenden Wendungen und phantasievollen Improvisationen. Leicht macht es sich der 26-jährige Musiker nicht. Als er 2009 begann, sein persönliches Real Book mit einer täglichen Komposition zu schreiben, ging er davon aus, 1000 verschiedene Ideen im Kopf zu haben. Doch bald ertappte er sich bei den ersten Wiederholungen, was ihn umso mehr anspornte. „Ich fing an, mit immer mehr Instrumenten zu experimentieren, um andere Möglichkeiten auszuprobieren.“

Erneut spielte David Helbock 2010 beim weltweit größten Jazzpiano-Wettbewerb für Solisten im Rahmen des Festivals in Montreux. Wie schon 2007 wurde er dort ausgezeichnet, diesmal gewann er zusätzlich auch den Publikumspreis. Dank einer fundierten klassischen Ausbildung verfügt Helbock über eine variable Anschlagskultur, die in von manchem „reinen“ Jazzmusiker unterscheidet. Handwerkliche Aspekte spielen für den 26-jährigen Individualisten vor allem eine Rolle, wenn sie bei der Suche nach unerwarteten Facetten in der Musik helfen.

Davon gibt es auf dem Debütalbum von Random/Control reichlich. Eine Piano-Ballade, die von nachdenklicher Poesie verziert wird, erinnert in ihrer unkitschigen Romantik an (imaginäre) Soundtracks; lyrische Passagen locken mit suggestiven, fast kammermusikalische Assoziationen von Trompete, Flügelhorn, Bass-Klarinette und Piano. Schnellere Stücke flirten mit zirkulierenden Motiven oder minimalistischen Anklängen, verspielten Abwandlungen und jäher Dynamik. Eine vertraut erscheinende Melodie wird abstrahiert oder kurzfristig energisch dekonstruiert, rhythmische Stakkati und flatternde Modulationen mäandern durch variierende Tempi. Zuweilen arbeitet Helbock einige elektronische Effekte in seine Klangmalereien ein, die sich aber nicht übermäßig wichtig nehmen.

In jedem Moment des ausgesprochen abwechslungsreichen Repertoires ist die Begeisterung der Band für ihr Konzept spürbar: eine eigenwillige, ebenso ausbalancierte wie zeitgemäße musikalische Begegnung von Philosophie und Intuition.



[nach oben] [zurück]



© Traumton 1998 - 2007 ::: Impressum ::: ::: home