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   Martin Klein: Lass uns bleiben: Release-Informationen

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VÖ: 18.11.2011
EAN/UPC: 705304456026
Traumton CD: 4560

 

Martin Klein – „Lass uns bleiben“

Träum, ja träum, solange du willst...“ Der Schlafwandler ist ein Traumweltenbummler - die Füße auf dem Boden der Tatsachen, den Kopf in der berauschenden Meteorologie seiner Vorstellungskraft und die Hände immer ein bisschen näher an der Zukunft als der Rest. Wenn Raum und Zeit keine Rolle mehr spielen, müssen auch Kompassnadel und Uhrzeiger ersetzt werden: durch Intuition, durch blindes Vertrauen, durch Tasten. Manchmal sogar durch die Tasten eines Klaviers.

Martin Klein, Pianist und Singer/Songwriter aus Wien, ist Experte in dieser außergewöhnlichen Disziplin. Auf seinem zweiten Album „Lass uns bleiben“ beweist er, dass das Schwarz und Weiß der Klaviatur die Möglichkeiten einer ganzen Welt eröffnet: mal die geordnete Rationalität eines Schachbrettmusters, mal die ausgelassene Albernheit eines Harlekins, dann wieder die bittersüße Nostalgie einer alten Schwarz-Weiß-Fotografie. Auch wenn Klein in dem rhythmisch pointierten, herrlich angejazzten Stück „Nostalgie“ behauptet: „Die Nostalgie, die schenk’ ich mir.

Viel mehr schenkt Klein dem Hörer etwas. Wer durch die 13 Lieder auf „Lass uns bleiben“ wandelt, wird eins mit den Räumen, die er durchschreitet. Und selbst die griesgrämigste Holztür öffnet sich mit einem gütigen Geräusch, wenn jener Martin Klein in Erscheinung tritt und seine ganz eigene Melange aus Pop, Jazz und Klassik kreiert. Ein sympathischer, patenter Kerl, Jahrgang 1983, geboren in Tirol. Ein Typ mit lachenden Augen und hellwachem Herzen, trotz aller Träumerei. Einer, den man sich prima in geselliger Runde vorstellen kann, also genau das Gegenteil von dem in sich und in die Welt versunkenen Philosophen, der manchmal durch seine Lieder huscht.

Klein ist nicht nur ein scharfsinniger, wortgewandter Lyriker, sondern vor allem auch ein hervorragender Pianist, der auf den schwarzen und weißen Tasten hingebungsvoll die Graustufen auslotet und es vernehmbar macht: Das zwischen den Zeilen. Die feinen Nuancen. Das Unsagbare. Einer, der es wagt, sich von Träumen leise entführen zu lassen und trotzdem das Aufwachen nicht fürchtet. Und dann, kühn pianierend, eine rasante Ode an die „Courage“ singt – „Bevor wir alle sind wie Hamster / Gut dressiert und eingekreist / Öffnen wir noch schnell die Fenster / schreien für den freien Geist: Courage, Courage!

Von einem überaus freien Geist erschaffen sind – man muss es noch einmal betonen – Kleins Texte, deren klug philosophierende, aufmerksam beobachtende Poesie durchaus auch ohne Musik auskäme, mit Musik jedoch ihre ganze Schönheit und Tiefe entfaltet. Man höre sich nur einmal „Das Floß“ an. Der gebürtige Innsbrucker ist also nicht weniger als sein eigener Simultandolmetscher, der Flügel die symbiotische Verlängerung seiner Hände und Gedanken: Der eine erzählt, der andere kommentiert, gleichzeitig und in wechselnden Rollen.

Man könnte ebenso Franz Schubert wie Georg Kreisler als Referenzen ins Spiel bringen. Ebenso Ben Folds wie Rufus Wainwright. Ebenso Jamie Cullum wie Joe Jackson. Ebenso Keith Jarrett wie Yann Tiersen. Ebenso Billy Joel wie Sophie Hunger, für die Klein schon die ebenso schwierige wie ehrenvolle Aufgabe des Supports übernahm. Man sollte allerdings besser alle Schubladen zu lassen, und dann auch direkt die Augen schließen, um andächtig lauschend Zeuge einer Art Naturschauspiel zu werden. Denn Kleins Klavierspiel ist von einer bemerkenswerten Natürlichkeit beseelt, die souverän und intuitiv alle Gestaltungsmöglichkeiten auskostet.

Dieses ganz besondere Fingerspitzengefühl hat der 28-Jährige vermutlich auch seinem Klavier-Studium bei dem renommierten blinden Jazz-Pianisten Bert van den Brink am Konservatorium Utrecht zu verdanken. Nur eine Station einer langen Reise, die mit Cello-Unterricht im Kindesalter begann und über autodidaktisches Klavierlernen auf einem alten Piano, das herausfordernd in seinem Elternhaus herumstand, über Schlagzeugspielen als Teenager in Jazz- und Rockbands, hin zu Engagements als Casinopianist und Musiker in Theaterprojekten und schließlich zu Kleins erstem Album „Songs For My Piano“ (2008) führte, dessen Lieder „Don’t Let It Get You Down“ und „On My Way To You“ bei dem ORF-Jugendsender FM4 rauf und runter gespielt wurden.

Jetzt erscheint Kleins kunstvoll auf das Wesentliche reduziertes Zweitwerk „Lass uns bleiben“: nur Gesang und Klavier, live und ohne jegliche Overdubs aufgenommen, an nur drei Tagen. Eingespielt im labeleigenen Studio, einem altehrwürdigen Ballsaal aus den 20er-Jahren, mit brillanter Akustik und mit dem König unter den Flügeln als Komplize: einem C.Bechstein-Konzertflügel D 282.
Komm, lass uns bleiben“ sind dann auch die ersten Worte des Eröffnungsstückes, das einem Tag im Park eine in sich ruhende, beinahe meditative Melodie entlockt und die „Leichtigkeit des Seins“ keineswegs unerträglich findet.

Immer wieder begegnet man in diesen 48 Minuten dem Träumen, das jedoch eher ein bodenständiger Eskapismus ist, der mitreißt und vor allem mitreisen lässt – an sanft illuminierte Orte, die sehr vertraut wirken und trotzdem so spannend bleiben, als würde man sie zum allerersten Mal besuchen. Wo geträumt wird, ist ein Schlaflied selbstverständlich nicht weit: Das zaghaft wiegende „Irgendwo“ erzählt kurioserweise vom Erwachen, von der Erkenntnis und ihrem Leuchten in der Dunkelheit: „Und irgendwo auf einem Dach / Nur wir zwei / Und irgendwann in dieser Nacht sind wir...“ – Klein ist so frei, es dem Klavier zu überlassen, diese Zeile zu vervollständigen.

Das betörend fließende „Träum“ könnte aus dem Soundtrack zu „Die Fabelhafte Welt der Amélie“ stammen, während „Was bleibt“ sich mit seiner eindringlichen Melodie und seiner sacht flammenden Rhythmik in die Nachbarschaft des geschätzten Kanadiers Patrick Watson begibt – nur eben auf Deutsch. Seine Stimme beherrscht Klein dabei genauso wie das Klavier: nuancenreich, emotional und intensiv – jedoch niemals aufdringlich. Aber auch niemals schüchtern oder gar zaudernd. Sondern immer mit einer pulsierenden Präsenz. Wenn er beim Blick in den Rückspiegel „Nebel, nimm mich mit dir“ bittet, dann ahnt man, dass Klein eigentlich nicht dem Nebel, sondern dem Leben den Anhalterdaumen entgegenstreckt.

Kilometerweit fliegend / Im Sternenlicht glänzend / Fällt irgendwann alles zu Boden“, singt er etwas später zu einem entspannt federnden Flügel, und klingt dabei trotz aller bedächtigen Nüchternheit wie ein Betrunkener, der sich vertrauensvoll der Gravitation in die Arme fallen lässt, rücklings. Die nostalgische Ballade „Der Fischer und das Mädchen“ angelt derweil mit dem mitternächtlichen Charme eines einsamen Jazzclubs und einem Hauch Brecht/Weill eine perlmutschillernde Melodie. Ohnehin findet Klein schönste Melodien mit einer beinahe unverschämten Leichtigkeit. Und entdeckt gleichzeitig punktgenaue rhythmische Muster, in denen das Klavier manchmal fast zu einem Percussion-Instrument wird – so auch im fulminanten „Da ist noch was da“.

Kurz vor dem Finale von „Lass uns bleiben“ singt Klein, dann doch reisefiebrig, „Komm mit mir bis ans Ende der Welt / Fahren einfach weg / Solang’s uns gefällt.“ Und wenn das Meer näher kommt, schlägt auch das Klavier merklich größere, geradezu euphorische Wellen. „ Ich bin so gerne hier“, verkündet schließlich der glücklich Angekommene beinahe demütig im letzten Lied. Und es ist gut, dass Martin Klein da ist - ganz real, aber irgendwie auch wie einem Traum entsprungen. Einem Traum, den man weiterträumen will. Noch lange.
Ina Simone Mautz

 



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