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   Meyer - Baumgärtner - Meyer | MELT Trio: Hymnolia: Release-Informationen

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VÖ: 08.11.2013
EAN/UPC: 705304459126
Traumton CD: 4591

Melt Trio
Hymnolia

Ein Gitarrensound, der wie von einer fernen Umlaufbahn in die irdische Hemisphäre eintaucht, ein Schlagzeug, das den fremden Klang vorsichtig abtastet und schließlich ein Bass-Groove, dessen Gravitation beide auf den Boden hinab zieht. Willkommen auf „Hymnolia“, dem zweiten Album des Melt Trios.

Moment, ein zweites Album des Melt Trios? Gab es denn einen Vorgänger? Wer überhaupt ist dieses Melt Trio? Erlauben wir uns einen kurzen Besuch im Time Tunnel. Zwei Jahre ist es her, da verblüffte das Berliner Trio Meyer-Baumgärtner-Meyer gleichermaßen Laien wie Fachwelt. Die Brüder Peter und Bernhard Meyer an Gitarren und Bass sowie Drummer Moritz Baumgärtner erfanden einen Sound, der sich kühn und doch voller Demut nicht nur über alle gängigen Vorstellungen von Jazz-Improvisation, Alternative Rock, Ambient und in Klang übersetzte Naturerfahrung hinwegsetzte, sondern selbst alle bekannten Synthesen, Avantgardismen und Überlappungen übertraf. Ein Sound, der sein Bukett Lichtjahre von jedem Crossover entfaltete. Im freien Flug begaben sich die drei Berliner aus den bekannten Galaxien in einen neuen Klangquadranten, der ohne jeden Exhibitionismus auskam. Das im Jazz so grenzenlos überbewertete Solo sucht man hier vergebens. Bei Meyer-Baumgärtner-Meyer ging es um Dichtegrade, Aggregatzustände und Stimmungen. Gerade die gruppendienliche Zurückhaltung der drei individuellen Könner machte den besonderen Charme des Trios aus. Und wie hieß dessen erstes Album? „Melt“

Im Vergleich zur in jeder Hinsicht eleganten und dynamischen Musik des Trios klang sein Logo Meyer-Baumgärtner-Meyer zugegeben ein wenig sperrig. Doch wer in der Musik Bewegung auslöst, vermag selbiges auch im Kopf. Und da der Albumtitel „Melt“ die Programmatik des Trios kongenial beschreibt, wurde aus Meyer-Baumgärtner-Meyer kurzerhand das Melt Trio.

„Hymnolia“ setzt exakt dort an, wo „Melt“ aufhörte, und holt doch zugleich viel weiter aus. Vieles, was auf „Melt“ zutraf, lässt sich guten Gewissens auch von „Hymnolia“ behaupten. Da ist immer noch diese symbiotische Ausdrucksdichte, in der komponierte, improvisierte und aus dem reinen Klang frei assoziierte Teile organisch ineinander fließen. Die drei Musiker handeln ihre Anteile und Positionen in jedem Stück neu aus, finden immer wieder überraschende Annäherungen aneinander, generieren gemeinsame Klangflächen, gehen aber auch in Überlappungen und Interferenzen auf. Das Gemeinsame kann in der absoluten Verschmelzung liegen, aber auch in der Summe des dreifach Individuellen.

Gerade im Hinblick auf diese überaus flexible Gruppendynamik macht der neue Bandname umso mehr Sinn, denn aufgrund der mittlerweile vielfältigen gemeinsamen Erfahrungen löst sich die anfängliche, auf „Melt“ noch spürbare Polarität zwischen den Meyer-Brüdern und Baumgärtner auf. Die drei Protagonisten haben ihre gemeinsame Ausgangsbasis hörbar verstärkt. Im Vordergrund des gemeinsamen Spiels stehen nach wie vor Stimmungen, aus denen heraus songhafte Motive oder freie Improvisationen erwachsen. Die Quellen für die einzelnen Sounds sind nicht in jedem Fall ganz klar auseinanderzuhalten. Was wie ein Synthesizer oder ein schrill modifizierter Gitarrensound anmuten kann, mag vielleicht auch von einem Becken kommen. Der Ideenfundus der drei Musiker durchdringt sich auf beeindruckende Weise. Aber das Postulat der Band heißt ja nicht umsonst „Melt“.

Allerdings zeigt die Band auf Hymnolia auch deutlich mehr Mut zur Kontur. Ohne dass es je zu individuellen Alleingängen kommen würde, arbeitet sich streckenweise die eine oder andere Stimme stärker aus dem Bandkontext heraus. Konkrete Melodien, die sich wie zufällig aus dem kollektiven Schweben zu kristallisieren scheinen, manifestieren sich und setzen sich im Ohr fest. Diese Melodien sind von einer derart bezwingenden Schönheit, dass sie wieder und wieder gehört werden wollen.  Und sie sind so eingängig, dass man auf Anhieb meint, sie bereits seit vielen Jahren zu kennen, gerade so als wäre jeder Sonnenaufgang genau um diese Melodien herum entstanden. Aus dieser Lust an Melodik und der daraus abgeleiteten Phrasierung und Modifizierung leitet sich auch automatisch eine etwas größere Nähe zum Jazz ab, die sich jedoch wie ein ganz konventionsfreier Kommentar zu den Möglichkeiten der Jazz-Improvisation ausmacht.

Allein diese klangpoetischen Zusammenhänge würden ausreichen, um den Albumtitel zu erklären. Hymnolia: eine Gloriole hymnischen Flimmerns, eine durchlässige Wolke aus Klanglicht. Ja, es mag ein wenig kitschig klingen, aber die Musik des Melt Trios fängt tatsächlich das menschliche Urverlangen nach Harmonie und Vollkommenheit auf. Diese Stücke entrollen einzigartige psychoakustische Landschaften, gleich surrealistische Labyrinthen, in denen man sich zu verlieren sehnt, aus denen man aber nie wieder herausfinden will. Einmal mehr kann man sich als Hörer leicht in das nahezu hypnotische Staunen hineinversetzen, das die drei Musiker bei der Schöpfung dieser Musik überkommen haben mag.

Trotz alledem hat es mit dem Titel eine ganz andere Bewandtnis. Ursprünglich war es der Band darum gegangen, einen jazz-untypischen Titel zu finden der wie eine Mischung aus Hymne, Magnolie und fernem Planeten klingt. Doch als wäre das unvoreingenommene Überraschungsmoment das Grundthema des Melt Trios schlechthin, staunten die drei Musiker nicht schlecht, als sie in einem Dokument von 1899 einen Hinweis fanden, dass es tatsächlich ein Instrument selbigen Namens gibt. Die Hymnolia ist eine tragbare Pfeifenorgel, die um 1900 offenbar gar nicht so selten in Gebrauch war. „Dieses Instrument hätte in unserer Band auf jeden Fall in dem einen oder anderen Stück Platz“, frohlockt Bernhard Meyer. Und ohne zu esoterisch werden zu wollen, hat sich ja vielleicht die eine oder andere spirituelle Schwingung der Hymnolia aus dem Universum in diese Musik zurück geschlichen.

So oder so, das Melt Trio ist und bleibt ein Gitarrentrio, das ohne jeden Vergleich auskommt. Melt ist weder Nirvana auf Jazz noch Bill Frisell Trio in Rock und auch nicht Massacre in Ambient. Melt ist Melt, einzigartig, individuell, packend und ergreifend, die Schwingen ausbreitend wie ein Albatros und aus weiter Ferne so nah zu uns herüber rufend.



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