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   Johnny La Marama: Il Purgatorio: Release-Informationen

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VÖ: 14.02.2014
EAN/UPC: 705304460023
Traumton CD: 4600

Johnny La Marama, Il Purgatorio

Who, the hell, is Johnny La Marama, hieß es beim Debütalbum der gleichnamigen Band 2006. Jetzt fragt man sich: Where, the hell, is he?

Wohin kommt wohl der Unhold? Genau! In die Hölle. Oder mindestens ins Fegefeuer. Völlig logisch also, dass Kalle Kalima, Chris Dahlgren und Eric Schaefer ihren fiktiven Desperado nach „Fire!“ und „Bicycle Revolution“ nun ins „Il Purgatorio“ schicken.

In der römisch-katholischen Theologie werden dort mit heißem Besen die Sünden aus den Seelen gekehrt. Ursprünglich war das aber als ein Ort zur Erholung gedacht, bevor man in den Himmel fährt. Vermutlich dachte auch Johnny La Marama, dass das Fegefeuer eine besonders illuminierte Art von Lounge-Bar sei, in der er erst mal relaxt einen Drink nimmt, bevor er weiter nach seinem Kumpel Hans Hansson sucht und hernach zur himmlischen Manna-Speisung auffährt.
Aber er hat sich – höllisch - geirrt.

Dante hat das Purgatorium in der Göttlichen Komödie beschrieben. Über sieben Terrassen büßen sich dort die Delinquenten zur Erlösung hin. Kalle Kalima, Chris Dahlgren und Eric Schaefer haben Maramas Fegefeuerreise um ein paar Verschnaufspausen, historische Gestalten und zeitgenössische Inhalte auf elf Songs ausgebaut. Und da wir hienieden selten einen aus dieser Gegend wiedersehen, hier also der Johnny-La-Marama-Reiseführer durchs Fegefeuer:

Zunächst einmal stellt sich dem Protagonisten der antike Poet Vergil als Führer zur Seite. „Step up the Tower“ stellt am Grunde des Monte Purgatorio klar, dass das ein anstrengender Aufstieg wird.
Auf der ersten Terrasse des Stolzes müssen sich die beiden in „Cyber Crusade“ einen bluesigen Weg durch die Schattenseitenvertreter der modernen Internetwelt hacken.
Nach einer kleinen erinnerungsseligen Westernfilmmusikartigen Erholungspause im Ponderosa-Free-Style („Happy Song“) entdecken sie einen Unglücklichen. Er nennt sich Dante und ist auf seiner Fegefeuer-Exkursion auf der zweiten Terrasse hängen geblieben. Dort ist es wüstenheiß und einsam. Gitarrist Kalle Kalima verpasst der Station das Flair einer seit langem verlassen in ihrer eigenen Depression vor sich hinmodernden Westernstadt.
Einen weiteren „alten Bekannten“ trifft man auf der dritten Terrasse. „Carlo Gesualdo“ brachte 1590 seine Frau und deren Liebhaber um. Danach schrieb er deprimiert und der Umnachtung nahe Musik, die seiner Zeit Jahrhunderte voraus war. Ein kurzer dramaturgischer Zwischensprung führt auf die sechste, bitterkalte Stufe. Auch wenn man dort in „Cash Flow“ die Bankenwelt als fiebriges Denkmal heutigen Wahnsinns erlebt; die Gier ist ein wahrhaft zeitloser Ort mit immer neuen Inhalten.
Nach einem kleinen „Intermezzo“, einer Session mit imaginären Musikerkumpels und noch mehr Drinks (weswegen der Song mit über 11 Minuten der längste auf dem Album ist), begeben sich La Marama und Vergil zurück. Gesualdos Ex, „Maria D’Avalos“, hangelt sich von der vierten Stufe gerade träge Richtung Begierde (5. Terrasse), um dort ihren Liebhaber „Fabrizio Carafa“ zu treffen – aller Warnungen unseres Helden zum Trotz.
     Die siebte Terrasse der Lüsternheit wäre mit ihren hübschen Frauen und cooler Musik im „Devil Dance“ (Strauss’ Salome und Ölblubberlampen aus den 60ern lassen grüßen) so recht nach La Maramas Geschmack, aber Vergil drängt weiter.
     Auf dem Gipfel des Purgatoriumbergs schließlich treffen sie endlich den gesuchten Hans Hansson, der sich in einer transdeszentalen (im Bandterminus: „trans-in-dental“) Levitation befindet, deren Schwerelosigkeit ihm von engelsgleichen Schönheiten in „Laying Hands on Hans Hansson“ in einer „Sentimental-Journey“-Persiflage erleichtert wird.

Hat man die staunenden Ohren nach dem Anhören Il Purgatorio wieder angeklappt, wundert einen eigentlich nur noch, dass der Wunderdreier aus Berlin auf seiner Fegefeuerreise nicht auch noch andere Wunderliche der Musikgeschichte in persona getroffen hat; als da etwa wären Frank Zappa, Charles Mingus, Karlheinz Stockhausen, schlechte Countrymusik, legendäre Rockgitarristen und eine Horde Punkbands.

In Johnnys Vorhof der Hölle wird der Hörer gut gegrillt, das Berliner „Purgatorio“ hört sich zuweilen an, als ob eine Stahlpresse mit Festplattenfehler auf Autopilot läuft. Es rockt und knallt, seufzt und groovt in allen Tonlagen und Metren. Die Treppenstufen zur Glückseligkeit, die sind schief, voller ungerader Metren, rhythmischer Querschläger und Stolpersteine. Vor allem aber ist Il Purgatorio eine ausdrucksvolle, epische Filmmusik, sehr amerikanisch in Gestus und „Gesängen“. Irgendwie wähnt man sich ständig in Tarantinos Titty Twister-Bar aus From Dusk till Dawn. Die üblichen Parameter kommen hier zum Erliegen. Oder wurden einfach aufgefressen.

Johnny La Marama ist natürlich mucho Gitarre. Kalle Kalimas Spezialität darauf ist das konstruktive Dekonstruieren, unehrliche Klischees ehrlich zu ironisieren. Oder war das umgekehrt? Der finnische Gitarrist kann mittlerweile getrost als der Euro-Marc Ribot bezeichnet werden, ähnlich versatil und vielschichtig wie er spielt. Aber ebenso treten Eric Schaefers Studien in Neuer Musik und ein gewisser Art-Rock-Background in den Vordergrund. Chris Dahlgren schließlich „tarnt“ seine amtliche Karriere im Neutöner-Jazzbereich hinter grooviger Unterfütterung. Auf jeden Fall wird auch im dritten Johnny-La-Marama-Coup deutlich, dass sich seine musikalischen Doubles bestens und blindlings verstehen, ein echtes Team, in dem jeder von seiner Höhe aus auf gleicher Höhe mit den anderen interagiert. Damit kann man getrost durch die Hölle gehen. Auch wenn die „Drei von der Punkstelle“ mit Zapfsäulen aus Rock, Grunge, Jazz und Improvisation in hoher Oktanzahl, mit dieser Fegefeuerfahrt ganz sicher sofort in den (Musik-) Himmel auffahren.



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