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   Erika Stucky: Papito: Release-Informationen

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VÖ: 27.10.2017
EAN/UPC: 705304465622
Traumton CD: 4656

Erika Stucky - Papito

Erika Stucky war schon immer für Überraschungen gut. Seit bald 25 Jahren knüpft die Sängerin, Musikerin, Songschreiberin und Multimedia-Künstlerin spannende internationale Verbindungen, von Dino Saluzzi und Carla Bley bis hin zu einem Gastauftritt bei Elvis Costello. Darüber hinaus hat sie in dieser Zeit viele eigenwillige, teils verblüffende, stilübergreifende Formationen entwickelt. Stuckys neues Werk schlägt jetzt ein weiteres Kapitel auf, mit unerwartetem Inhalt. Selbst in Relation zu ihrem bislang schon couragiertem Repertoire wirkt Papito verwegen. An der Seite der charismatischen Americano-Schweizerin glänzen hier ein Barock-Ensemble, der weithin gefeierte Countertenor Andreas Scholl und FM Einheit, bekannt als unkonventioneller Schlagwerker, Sounddesigner und seinerzeit auch kreative Kraft bei den Einstürzende Neubauten. Angesichts dieser spektakulären Konstellation erstaunt es nicht, dass Stuckys variable Stimme Facetten entwickelt, die man bislang von ihr nur höchst selten gehört hat. Ohne Scheu vor klanglicher Schönheit schwelgt sie geradezu in Melodien, unterwandert anrührendes Crooning in ausgesuchten Momenten durch pointiert-rauen Ausdruck.

Die Zusammenarbeit von Künstlern aus Klassik, Jazz und Avantgarde beruht auf einer konzeptionellen Idee. „Seit Jahren war mir klar, irgendwann ein Album mit Songs zum Thema Väter und Töchter zu machen“, erklärt Erika Stucky. Der Knoten platzte mit dem Einfall, Papito als Titel der Produktion zu wählen. Aufgewachsen in San Francisco, war ihr die spanische Verniedlichung von Papa ebenso vertraut wie das amerikanische Daddy, setzte aber andere kreative Assoziationen frei. Vater Stucky, einst nach dem Vorbild seines Vaters aus dem Schweizer Kanton Wallis in die USA ausgewandert und später mit Familie, Sack und Pack in die alpine Heimat zurückgekehrt, war ein geachteter Metzger, was Tochter Erika bis heute nicht loslässt. Seine Arbeit brachte sie auf die musikalische Umsetzung, mit Saiten statt Blech- oder Holzbläsern. „Ich wollte die Schwingungen von Därmen hören, gewissermaßen Tiere weinen hören“, sagt Stucky. „Darmsaiten haben einen unverwechselbaren Klang, der auch der menschlichen Stimme nahe kommt. Sie klingen und reagieren natürlicher als künstliche Saiten, sind empfindlicher gegenüber Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich unbedingt mit Barockmusikern spielen wollte. Weil sie diese Art von Saiten benutzen und unter den Klassikern die Wilden sind, die am ehesten improvisieren.“

Fast gleichzeitig entschied sie, Countertenor Andreas Scholl zu einer Mitwirkung als Gastsänger zu bewegen. Seine Klangfülle empfindet sie als „edel, charmant und ein wenig beunruhigend.“ Kennengelernt hatten sich die beiden im Rahmen einer Sendung des Schweizer Radios. „Vorher wussten wir nichts voneinander“, grinst Stucky, „trotzdem haben wir uns sehr schnell gegenseitig elektrisiert. Ihn faszinierte, was ich alles mit der Stimme anstellen darf, mich hat die Klarheit in seinem Gesang und den Jahrhunderte alten Melodien gefesselt.“ Aus einem unverbindlichen, unter Musikern oft dahin gesagten „wir müssen unbedingt mal was zusammen machen“, machte Stucky alsbald ernst. „Wenige Wochen später saß ich bei ihm zuhause am Klavier und wir haben Caruso und Beatles improvisiert. Von diesem Moment an sind wir geflogen, über alle möglichen Stolpersteine hinweg.“

Ebenso fruchtbar und unkompliziert entwickelte sich die Zusammenarbeit mit FM Einheit. Stucky wusste, dass er ein Fan ihrer CD Lovebites ist, die sie 2002 mit Bläsern, darunter Ray Anderson, drei Streicherinnen und weiteren Musikern einspielte. Also nahm sie Kontakt auf und besuchte den Klang-Poeten. Mit dem Plan im Kopf, er möge einige Kontrapunkte zur Ästhetik des Barockensembles erfinden. Wenig überraschend verstanden sich die beiden Querdenker auf Anhieb. „Er hat erst viel zugehört, ist dann in sein Studio verschwunden und kam mit wunderbar geisterhaften Klangvignetten wieder heraus“, erinnert sich Stucky begeistert. „Wir sind beide Fans von Ennio Morricone und lieben auch subtile Musik. FM Einheit kann sehr fein würzen. Viele seiner Sounds hört man auf dem Album nicht unmittelbar, sie wirken eher psychoakustisch im Hintergrund. Aber lässt man sie weg, fehlen sie sehr.“ Zudem hat er, sagt Stucky, Aspekte ihrer typischen „extended vocals“ adaptiert und akustisch weitergedacht, was sie von der Aufgabe befreite, durch schräge Gesangstöne für subversive Brüche zu sorgen.

Die sieben klassischen Musiker, die ihren Teil zum Gesamtkunstwerk Papito beitragen, gehören zum insgesamt rund 150 Personen umfassenden La Cetra Barockorchester Basel. Sie stammen aus Spanien, Italien, Griechenland, Argentinien und der Schweiz. Sensibilität und Präzision sind selbstverständlich, darüber hinaus haben sie eine besondere Bereitschaft, sich auf Neues, Nonkonformes einzulassen. Neben zwei Violinen, Bratsche, Cello und Kontrabass sind Cembalo und Orgel, Gitarre und die mittelalterliche Laute Theorbe zu hören. Letztere wünschte sich Erika Stucky, fasziniert von ihrem Klang, der einer Harfe nahe kommen kann. Die Arrangements schrieben sie selbst, Knut Jensen und Albert Wieder. Multiinstrumentalist Jensen ist seit über 15 Jahren Stuckys engster und kontinuierlichster Wegbegleiter, hat seit 2005 alle ihre CDs produziert. Albert Wieder, Helikon-Virtuose und Mitglied des Septetts Da Blechhaufn, lernte sie 2014 für ihr Projekt Wally & die Sieben Geier kennen, für das Wieder die Bläserarrangements schrieb.

Nicht nur klanglich, auch kompositorisch und inhaltlich entwickelt Papito eine  ungewöhnliche Spannweite. Neben Stuckys eigenen Songs finden sich individualistische Covers von Stücken aus der Feder von Cole Porter, Steven Sondheim, Lucio Dalla und anderen. Romantische bis große Gefühle, Herzblut und Sich-Sehnen liegen bei einer liebevollen Auseinandersetzung mit dem inzwischen verstorbenen Vater nahe. Stucky verlässt das autobiografische Terrain, wenn die Themen komplexer werden, die Songtexte emotionale Dissonanzen anklingen lassen. Etwa in Randy Newmans Marie, das Missverhältnisse innerhalb einer Paarbeziehung anschneidet, deren Wurzeln in fatalen Vater-Tochter-Beziehungen liegen. Stuckys persönliche Empfehlung: „leave him, li'l sister, dump him, li'l sister!“ (aus: Li'l Sister). Auf diesen Vorschlag hätte womöglich auch Billy Holiday hören sollen, in deren Don't Explain Abhängigkeit und psychische Schieflage zutage treten. Vergleichsweise undramatisch klingt Stuckys Stacheldraht. Der Song  abstrahiert eine Barszene, in der die Frau an den falschen Mann gerät, sich selbst aber mit dem trügerischen Gedanken beruhigt: „wenn einer sich Stacheldraht nennt, wird er wohl Humor haben.“

Zweifellos liegt den Stuckys eine gehörige Portion Pioniergeist in den Genen. Einst zeigte sich dieser in dem Mut, nach Kalifornien auszuwandern, obwohl alle glaubten, das sei verrückt. Bei Erika Stucky manifestiert sich der Pioniergeist im Ausloten immer neuer kreativer Wege und Prozesse. Sie münden in stets originelle, vielfach preisgekrönte Projekte. Wenn Stucky mit Zutaten aus unterschiedlichen Welten jongliert und musikalische Aromen neu mischt, entsteht eine aufregende, sinnliche „fusion cuisine“. Für Papito hat Stucky vielleicht mehr denn je riskiert und wieder einmal gewonnen. Ihre persönliche und schlüssige, tiefgründige und trotzdem eingängige Kombination aus Klassik-, Jazz-, Pop- und Elektro-Elementen muss ihr erst mal jemand nachmachen. 



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