Alle News
Alle Künstler
Alle CDs
Alle Tourdaten



traumton.radio
   Bernhard Meyer: Murmuration: Release-Informationen

[Tracks]   [Infos]    [Pressematerial]   [CD bestellen]



VÖ: 02.02.2018
EAN/UPC: 705304466025
Traumton CD: 4660


Bernhard Meyer - Murmuration

„Diese Besetzung hatte ich schon seit langem im Kopf“, sagt Bernhard Meyer über sein  Quintett, das eine ungewöhnliche Kombination von Instrumenten und charismatischen Musikern vereint. „Der spezifische Sound hat sich mit der Zeit in meiner Vorstellung zusammengefügt“, fährt Meyer fort, „inspiriert durch die Zusammenarbeit mit einzelnen dieser Musiker in kleineren Formationen.“ Natürlich gibt es hier wieder die genialische Einheit mit seinem Bruder Peter, hinlänglich bekannt durch drei hoch gelobte Alben und unzählige Konzerte des Melt Trios. Bernhard Meyers spezielles, melodiesattes Spiel auf dem Halbresonanz-Bass beeindruckte darüber hinaus in Kooperationen mit Norwegens Live-Remix- und Elektro-Großmeister Jan Bang (mit dem Melt Trio), John Hollenbeck, Jim Black, Kurt Rosenwinkel, Nasheet Waits, Eric Schaefer u.v.a.

Schon seit einer Weile loten die Brüder Meyer parallel zum Melt Trio Gemeinsamkeiten mit einem anderen herausragenden Schlagzeuger der deutschen Szene aus, nämlich Andi Haberl. Der bayerische Wahl-Berliner hat sich durch markante Einsätze beim Andromeda Mega Express Orchester profiliert und begeistert seit Jahren in Europas progressivster Indie-Rockband The Notwist. Daneben spielte Bernhard Meyer einige Konzerte als Kammerjazz-Trio mit dem Klarinetten-Virtuosen und Elektronik-Tüftler Claudio Puntin sowie Julius Heise, der als subtiler Jazz-Vibraphonist u.a. im Brand Brauer Frick Ensemble glänzte.

Vor einiger Zeit hat Bernhard Meyer die verschiedenen Persönlichkeiten zu einem neuen Quintett vereint. Auf Murmuration erreichen die Stilisten nun enorme Tiefe und  wunderbaren Detailreichtum. Zuweilen spielen sie extrem filigran, absolvieren wie eine Ballerina überraschende Wendungen auf Zehenspitzen. Gleichzeitig wohnt ihren Interaktionen eine Kraft inne, die sich dynamisch Bahn brechen, Kontraste verstärken und verdichten kann. Der Ausdruck reicht von akustischen Nuancen über zeitgenössische Elektro-Vignetten bis zu futuristischen Facetten. Bernhard Meyers individuelles Bassspiel reicht weit über Grundierungen hinaus, trägt Melodien und Rhythmen. Darüber hinaus wechselt die interne Aufgabenverteilung. Mal kreieren Peter Meyer und Julius Heise harmonische Akkorde und transparente Klangschichten, dann wechselt der Gitarrist an die Seite von Claudio Puntin, um Melodien und Elektro-Sounds zu verschmelzen. Wenig später agieren die Brüder Meyer mit Andi Haberl als Rhythmusgruppe, die pointiert Druck macht.

Bernhard Meyers Kompositionen und Arrangements breiten ein weites Panorama aus. Es ist so abwechslungsreich, das man immer weiter gehen mag, neugierig darauf, was hinter der nächsten Biegung passiert. Melodien und Themen leuchten auf, treten in den Hintergrund und kommen unvermittelt aus anderer Richtung zurück. Jedes Stück hat einen eigenen Charakter. In Plain Air leuchten Anklänge an Steve Reichs wegweisenden Minimalismus auf, Unchild vermittelt beinahe sakrale Stimmung, Wooden fesselt durch seine offene, im weiteren Sinne freie Anlage. Zwischenzeitlich meint man entfernte Erinnerungen an John Hollenbecks Claudia Quintett, Bill Frisell, die in vielen Farben schillernden Arrangements von Sufjan Stevens oder Kurt Rosenwinkels Heartcore zu erkennen. Eine Skala von Olivier Messiaen bildet in Corus die Grundlage für ein Dreifach-Unisono.

Immer wieder überraschen neue Perspektiven, selbst innerhalb mancher Titel spielt Meyer geschickt mit vermeintlichen Gegensätzen. Etwa bei Growl, wo schwereloses, warm timbriertes Vibraphon und kühl-monolithische Synthesizer aufeinander treffen und sich bemerkenswert gut verstehen. In Plain Air weicht der klassische Minimalismus nach einer Weile einer Passage, durch die der Geist von Charles Mingus weht, gegen Ende nähert sich das Stück den Indie-Progressive-Rockern Grizzly Bear. Durch das Album hindurch wechseln sich Grooves mit ungeraden Metren und frei erfundenen Rhythmen ab. Manche Raffinesse bleibt dem Hörer womöglich verborgen, was weder den Genuss, noch Bernhard Meyer stört. Die konzeptionellen Überlegungen zu seinen Stücken sieht er vor allem als  Werkzeugkasten, um auf neue Ideen zu kommen. Als Beispiel für hintersinnige Details erwähnt er seine Bass-Improvisation in Aphir, die nicht als traditionelles Solo auftritt, sondern im Live-Remix von Peter Meyer und Claudio Puntin abstrahiert wird.
 
Bernhard Meyer hat viele Aspekte seiner Kompositionen akribisch ausgefeilt. Als Kopf des Quintetts ist er zwar Impuls- und Ideengeber, gleichzeitig liegt ihm daran, dass seine Partner Räume haben, ihre persönlichen Talente einzubringen. So können auch Drummer Andi Haberl und der klassisch geschulte, in Neuer Musik versierte Julius Heise ihr Gespür für Orchestrierungen aufblitzen lassen. Ein Meister in dieser Disziplin ist Claudio Puntin, wenn er nicht gerade als Solist brilliert. 1965 im zentralschweizerischen Zug geboren, hat der mehrfach ausgezeichnete Klarinettist in den zurückliegenden Jahren neben seinen eigenen Produktionen auch für Film, Theater, Hörspiele und Ausstellungen Musik geschrieben. Lang ist die Liste seiner Kooperationspartner, sie reicht von Steve Reich,
Carla Bley, Fred Frith, Hermeto Pascoal und Sidsel Endresen bis zum Ensemble Modern und den Philharmonieorchestern in Köln, München und Zürich. Zuletzt arbeitete Puntin im Trio Ambiq mit den Produzenten und DJs Max Loderbauer und Ricardo Villalobos, um Brücken zwischen freier Improvisation und elektronischer Musik zu kreieren.  

Gewitzte Ideen ziehen sich als rote Fäden durch Murmuration, die intuitive Spielhaltung der Band macht das Album lebendig. Ein schillernder Bandsound ist für Bernhard Meyer Motivation und Ziel, wichtige Parameter dabei sind Innovation und Form. Der Albumtitel verweist auf die spektakulären Flüge der Stare, deren komplizierte Vernetzung und Verdichtung alle Menschen faszinieren und der Wissenschaft immer noch Rätsel aufgeben. „Ich hatte die Bilder dieser Schwärme schon länger im Kopf, als Synonym für eine Band, die filigrane Strukturen und Texturen fließend und unvorhersehbar variieren kann“, sagt Bernhard Meyer. Seine Band mag zahlenmäßig nicht das Volumen eines Schwarms erreichen, ihre Klangvielfalt übertrifft aber die Erwartungen, die ein Quintett üblicherweise weckt. Meyers Murmuration lässt den Hörer ebenso staunen wie die Schwärme der Stare ihre Betrachter.



[nach oben] [zurück]



© Traumton 1998 - 2007 ::: Impressum ::: ::: home